Kessler Zwillinge: Leben, Karriere und ihr selbst gewählter Tod

Am 17. November 2025 starben Alice und Ellen Kessler im Alter von 89 Jahren in Grünwald bei München. Ihre Geschichte beginnt in einer Ballettschule, die im Krieg niederbrannte, führt über Paris, Rom und New York und endet mit einem Abschied, den die beiden bis ins kleinste Detail selbst geplant hatten.

Am 15. November 2025 fuhren die beiden Schwestern durch Grünwald bei München und legten bei ihren engsten Freunden Päckchen in die Briefkästen. Darin: handgeschriebene Abschiedsbriefe und persönliche Schmuckstücke. Auf dem Päckchen für Carolin Reiber, ZDF-Moderatorin und jahrzehntelange Vertraute, stand die Anweisung: Bitte erst am 18. November öffnen.

Sie öffnete es zwei Tage früher.

Am 17. November 2025 wurden Alice und Ellen Kessler in ihrer Villa in Grünwald tot aufgefunden. Die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) bestätigte einen assistierten Suizid in Anwesenheit einer Ärztin und eines Juristen. Das Datum hatten die Schwestern Monate zuvor selbst festgelegt.

Wer Alice und Ellen Kessler wirklich waren, lässt sich in keiner Zahl fassen. Aber 70 Jahre Bühne, Jahrzehnte als Italiens bekannteste Showstars, Auftritte neben Frank Sinatra und Fred Astaire und am Ende eine Entscheidung, die in Deutschland eine breite Debatte auslöste, geben einen Rahmen.



Nerchau, Leipzig, Düsseldorf: Der schwierige Anfang

Alice und Ellen Kessler, bürgerlicher Name Kaessler, wurden am 20. August 1936 in Nerchau, Sachsen, geboren. Alice kam als erste zur Welt, Ellen rund 30 Minuten später. Ihre Kindheit war belastet: Der Vater trank, war gewalttätig gegenüber Mutter und Kindern und unterhielt eine Geliebte. Zwei ältere Brüder starben früh an Krankheiten.

Während des Zweiten Weltkriegs brannte ihre Ballettschule in Leipzig nieder, der Unterricht musste wegen der Kriegsgefahr ausgesetzt werden. Erst nach Kriegsende konnten sie mit elf Jahren wieder regelmäßig tanzen. Die Schwestern beschrieben später in einem Interview mit der Zeit, was diese frühen Jahre für ihre Bindung bedeuteten: „Unsere Angst vor seiner blinden Wut und das Gefühl, uns an niemand anderem festhalten zu können, haben uns für alle Zeiten zusammengeschweißt.“

1950 bestanden sie die Aufnahmeprüfung zur Operntanzschule Leipzig mit Auszeichnung. 1952 nutzten sie ein Besuchervisum, um ihren Vater im Westen zu besuchen, und blieben. Mit 16 Jahren hatten sie die DDR hinter sich gelassen. In Düsseldorf begannen sie am Revuetheater Palladium ihre professionelle Laufbahn.


Paris und die Bluebell Girls: Der internationale Durchbruch

1953 bemerkten die Lido-Direktoren Pierre Louis-Guérin und René Fraday die beiden während einer Vorstellung im Düsseldorfer Palladium. Ab 1955 tanzten Alice und Ellen Kessler an der Spitze der berühmten Bluebell Girls auf den Champs-Élysées. Fünf Jahre gehörten sie zu den meistgefeierten Auftritten des Pariser Lido. Während dieser Zeit strichen sie das „a“ aus dem Geburtsnamen Kaessler.

1959 vertraten sie Westdeutschland beim Grand Prix Eurovision in Cannes mit „Heute Abend wollen wir tanzen geh’n“ und belegten Platz acht von elf. Auf dem deutschen Plattenmarkt war ihr größter Charterfolg die Zusammenarbeit mit Peter Kraus: „Honey Moon“ erreichte 1960 Platz 15 der deutschen Charts.


„Da-da-un-pa“: Wie sie in Italien zur Legende wurden

Ab 1961 begann das entscheidende Kapitel ihrer Karriere. Die RAI holte die Kessler Zwillinge zunächst für Giardino d’inverno, dann für Studio Uno (1961 bis 1966), inszeniert vom Fernsehregisseur Antonello Falqui, der damit das Grundformat der samstäglichen Unterhaltungssendung in Italien prägte.

Am 11. November 1961 sangen sie im Fernsehen zum ersten Mal „Da-da-un-pa“, komponiert von Bruno Canfora mit Texten von Dino Verde. Die Nonsens-Silben ahmten den Off-Beat-Rhythmus des Swing nach und wurden der Erkennungsjingle einer ganzen Generation. 1962 zogen die Schwestern dauerhaft nach Rom, änderten ihren Nachnamen offiziell auf Kessler und wurden als „Le gemelle Kessler“ zur festen Größe der italienischen Populärkultur.

Was sie dort erreichten:

  • Sie waren die ersten Showgirls im italienischen Fernsehen und die ersten Frauen, die dort ihre Beine zeigten
  • Die RAI bestand damals auf undurchsichtigen Strumpfhosen, was die öffentliche Aufmerksamkeit eher verstärkte
  • Ganz Italien nannte sie bald „le gambe della nazione“, die Beine der Nation
  • 1962 erschienen sie auf dem Cover des amerikanischen Life-Magazins
  • Mit 40 Jahren posierten sie für die italienische Playboy-Ausgabe, die in drei Stunden ausverkauft war

Von Amerika bis Hollywood: Das globale Kapitel

Im Februar 1963 gaben Alice und Ellen Kessler ihr amerikanisches TV-Debüt in der CBS-Show The Red Skelton Hour. Danach folgten mehrfache Auftritte bei The Ed Sullivan Show, The Danny Kaye Show und The Hollywood Palace. Auf der Bühne standen sie neben Frank Sinatra, Fred Astaire und Harry Belafonte. Ein Angebot, mit Elvis Presley in Viva Las Vegas (1964) aufzutreten, lehnten sie ab. Sie wollten sich in Amerika nicht auf Musikfilme festlegen lassen.

Parallel liefen Filmrollen in mehreren Ländern, darunter La Paloma (1959) mit Karlheinz Böhm, das französische Les magiciennes (1960) und Mario Bavas Erik the Conqueror (1961). In der Hollywood-Produktion Sodom and Gomorrah (1962, Regie: Robert Aldrich) wirkten sie als Tänzerinnen mit. Für den WDR-TV-Film „Zu jung um blond zu sein“ (1961, Regie: Michael Pfleghar) gewann die Produktion die Goldene Rose von Montreux. Weitere Pfleghar-Produktionen und zwei italienische Sendungen brachten ihnen jeweils die Silberne Rose.


Privat: Eine klare Haltung zum Leben

Geheiratet hat keine der Schwestern, Kinder haben beide nicht bekommen. Ellen war rund 20 Jahre lang mit dem italienischen Schauspieler Umberto Orsini liiert. Alice hatte eine Beziehung mit dem französischen Sänger Marcel Amont und eine vierjährige Verbindung mit dem italienischen Regisseur Enrico Maria Salerno.

Kurz vor ihrem 80. Geburtstag antwortete Alice auf die Frage nach ihrem Erfolgsgeheimnis mit vier Punkten:

„Disziplin. Jeden Tag. Dankbarkeit. Immer wieder. Demut statt Übermut. Und Zweisamkeit. Bis in den Tod.“

In einem Zeit-Interview 2016 ergänzten sie: „Wir haben immer gearbeitet. Wir sind Perfektionistinnen.“


Auszeichnungen: Von Montreux bis zum Bayerischen Verdienstorden

Ihre Jahrzehnte auf der Bühne wurden mehrfach offiziell anerkannt:

  • Goldene und Silberne Rose von Montreux (mehrfach, für verschiedene Produktionen)
  • Bundesverdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland (1987)
  • Premio Capo Circe für Verdienste um die deutsch-italienische Verständigung
  • Ehrenbürgerschaft von Nerchau, ihrem Geburtsort (2006)
  • Bayerischer Verdienstorden, verliehen am 9. Juli 2025 von Ministerpräsident Markus Söder in der Münchner Residenz

In seiner Laudatio nannte Söder sie: „Wahre Ikonen des Showbusiness, die mit ihrem eleganten Tanzstil und ihrem Charme die Bühnen Europas erobert, die deutsche Showlandschaft maßgeblich beeinflusst und zahlreiche Künstlerinnen inspiriert haben.“

Der Bayerische Verdienstorden war ihre letzte öffentliche Ehrung, vier Monate vor ihrem Tod.


17. November 2025: Der selbst gewählte Tod

Die Schwestern hatten sich seit Jahren mit dem Thema assistierter Suizid befasst und waren seit über einem Jahr Mitglied der DGHS. Die Organisation erklärte offiziell: „Die Entscheidung muss durchdacht und konsistent sein, das heißt über einen langen Zeitraum getroffen worden sein und nicht impulsiv.“

Ellen hatte im Oktober 2025 einen ischämischen Schlaganfall erlitten. Beide litten unter Herzproblemen und dem Verlust des Geruchssinns. Die enge Freundin Gabriele Gräfin zu Castell-Rüdenhausen, die seit 50 Jahren mit den Schwestern befreundet war, bestätigte gegenüber der tz: Alice sei körperlich noch relativ gesund gewesen. Sie wählte den gemeinsamen Tod trotzdem, weil sie sich ein Leben ohne ihre Schwester nicht vorstellen konnte.

Ihr letzter öffentlicher Auftritt war am 24. Oktober 2025 bei der Circus Roncalli Premiere im Werksviertel München, an der Seite von Carolin Reiber. Niemand in ihrer Umgebung ahnte, was geplant war.

Gemäß ihrem Testament wurden die Kessler Schwestern in einer gemeinsamen Urne auf dem Waldfriedhof Grünwald beigesetzt, zusammen mit der Asche ihrer Mutter Elsa und ihres Hundes Yello. Ihr Vermögen verteilten sie auf UNICEF, Ärzte ohne Grenzen, die CBM Blindenmission, das Paul Klinger Künstlersozialwerk und die Deutsche Stiftung Patientenschutz.


Was ihr Tod in Deutschland auslöste

Der gemeinsame Tod der Kessler Zwillinge löste sofort eine öffentliche Debatte über assistierten Suizid aus. Der frühere Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach und der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Helmut Frister, forderten eine gesetzliche Regelung. Patientenschützer Eugen Brysch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz warnte vor dem „Tod aus den Gelben Seiten“, also der Kommerzialisierung des assistierten Sterbens. Der Deutsche Caritasverband rief Medien auf, bei der Berichterstattung keine falschen Signale zu setzen.

In Italien reagierte die RAI mit einem eigens zusammengestellten Programm aus Archivmaterial und Nachrufen. Radio Monte Carlo fasste die Stimmung kurz zusammen: „Alice und Ellen Kessler sind gemeinsam gegangen, genauso wie sie gelebt haben: unzertrennlich.“

Noch am Morgen des 17. November 2025 erhielt die Abendzeitung München einen Brief von Alice Kessler. Das Datum war ursprünglich am Computer auf „30. November“ getippt worden. Handschriftlich hatte Alice es mit einem Kugelschreiber auf „17.11.2025“ korrigiert und darunter ihr Autogramm gesetzt, vermutlich das letzte, das sie je gab.

Eric Kuster
Eric Kusterhttps://infozentral.de/
Eric Kuster schreibt seit 2015 über Politik, Promis, Sport und Gesellschaft. Er arbeitete für die Münchner Abendzeitung und mehrere Online-Portale, wo er Bundestagsdebatten, Promi-Skandale, Fußball-Transfers und Gerichtsverfahren abdeckte. Kuster berichtete aus dem Bundestag, interviewte Bundesliga-Spieler und recherchierte zu Steuerhinterziehungsfällen deutscher Prominenter. In Köln aufgewachsen, zog er 2019 nach Berlin, um näher am politischen Geschehen zu sein. Er verfolgt Entertainment-News genauso wie Migrations- und Technologiethemen. Im Februar 2026 gründete er Info Zentral, weil ihm Schnelligkeit ohne Oberflächlichkeit wichtig ist. Kuster hat Politikwissenschaft studiert, aber das meiste lernte er in Redaktionen.

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