2012 erklärte sie ein Jahreseinkommen von umgerechnet rund 3.800 US-Dollar. Sechs Monate nach der öffentlichen Scheidungsankündigung tauchte ihr neuer Mann als Käufer einer Villa für 5,4 Millionen Euro an der französischen Atlantikküste auf. Wie das zusammenpasst, fragen sich heute Ermittler in Paris, Antikorruptionsbehörden in London und Staatsanwälte in mehreren Ländern. Putins Ex-Frau Ljudmila Otscheretnaja hat dazu bis heute keine öffentliche Erklärung abgegeben.
Inhaltsverzeichnis
Kaliningrad, Aeroflot, Leningrad: Die frühen Jahre
Ljudmila Alexandrowna Schkrebnewa wurde am 6. Januar 1958 in Kaliningrad geboren. Ihr Vater Alexander arbeitete im Kaliningrader Maschinenbau, ihre Mutter Jekaterina war Kassiererin bei einem Autotransportunternehmen.
Bevor sie ihr Studium begann, arbeitete sie als Flugbegleiterin bei der Aeroflot am Flughafen Kaliningrad. Anschließend studierte sie Spanische Philologie und Linguistik an der Leningrader Staatsuniversität und schloss 1986 ab. Von 1990 bis 1994 lehrte sie Deutsch an derselben Universität, die inzwischen in Sankt Petersburger Staatsuniversität umbenannt worden war.
Drei Jahre bis zur Hochzeit
Ende der 1970er Jahre begegnete sie Wladimir Putin bei einem Konzertabend des Komikers Arkadi Raikin in Leningrad. Putin war damals KGB-Offizier. Bis er sich zur Heirat entschied, vergingen drei volle Jahre.
Er hatte zuvor eine andere Verlobte namens Ljuda gehabt und die Hochzeit kurz davor abgesagt. Als Ljudmila seiner Mutter zum ersten Mal begegnete, sagte diese offen, die erste Ljuda habe ihr besser gefallen. Am 28. Juli 1983 heirateten die beiden.
Dresden, KGB und zwei Töchter
1985 zog die Familie nach Ostdeutschland, wohin Putin für den sowjetischen Geheimdienst nach Dresden versetzt worden war. Die ältere Tochter Maria war noch in Leningrad zur Welt gekommen, am 28. April 1985. Die jüngere Katerina wurde am 31. August 1986 in Dresden geboren.
Putin sagte später, Katerina habe früher Deutsch als Russisch gesprochen. Beide Töchter redeten noch zehn Jahre nach der Rückkehr nach Russland miteinander auf Deutsch. Im Frühjahr 1991 kehrte die Familie nach Leningrad zurück, nachdem die DDR zusammengebrochen war.
1993: Allein im Krankenhaus
Im Jahr 1993 wurde Ljudmila Otscheretnaja in St. Petersburg in einen schweren Unfall verwickelt. Die Verletzungen waren lebensbedrohlich. Ihr Mann, damals stellvertretender Bürgermeister der Stadt, war zu jenem Zeitpunkt damit beschäftigt, den amerikanischen Medienmogul Ted Turner durch St. Petersburg zu führen. In das Krankenhaus kam stattdessen Igor Setschin, Putins enger Vertrauter und späterer Vorstandschef des Ölkonzerns Rosneft.
Nach dem Unfall wandte sich Ljudmila dem orthodoxen Glauben zu. Sie fand einen geistlichen Begleiter im Kloster Snetogorskyj im Gebiet Pskow, das sie nach Berichten bis heute finanziell unterstützt.
Als First Lady: Nahezu unsichtbar
Von 2000 bis 2008 und erneut von 2012 bis 2014 war Ljudmila Putina die First Lady der Russischen Föderation. Sie trat öffentlich so selten auf, dass russische Medien zeitweise spekulierten, Putin verstecke sie. Ihre sichtbarste Aktion in dieser Funktion: die Ablehnung einer Rechtschreibreform, die die Russische Akademie der Wissenschaften nach acht Jahren Arbeit vorgeschlagen hatte. Eine Moskauer Zeitung schrieb damals, sie habe „jeden Versuch einer Rechtschreibreform de facto gestoppt.“
2002 erhielt sie den deutschen Jacob-Grimm-Preis für ihre Verdienste um die deutsche Sprache in Russland. Die Laudatio hielt Thomas Roth, damals Leiter des ARD-Hauptstadtstudios in Berlin. Sie war erst die zweite Preisträgerin nach Dramatiker Rolf Hochhuth. Im Jahr 2007 ernannte die Stadt Kaliningrad sie zur Ehrenbürgerin.
Die Scheidung: Bekanntgegeben in einer Ballettpause
Am 6. Juni 2013 saßen Wladimir Putin und Ljudmila in der Pause einer Aufführung des Kremlin-Balletts im Staatlichen Kremlpalast vor laufenden Kameras des russischen Staatsfernsehens. Die Nachricht: Scheidung, einvernehmlich.
Ljudmilas Worte an diesem Abend: „Wir sehen uns praktisch nicht mehr. Es hat sich so ergeben, dass jeder sein eigenes Leben lebt.“
Die Scheidung wurde im April 2014 amtlich bestätigt.
Vom Nullpunkt zu Millionen
Weil sie mit dem Präsidenten verheiratet war, musste Ljudmila Putina ihr Vermögen jährlich erklären.
| Jahr | Erklärtes Einkommen |
|---|---|
| 2011 | 443.000 Rubel (ca. 14.000 USD) |
| 2012 | 121.000 Rubel (ca. 3.800 USD) |
Nach der Scheidung: keine Erklärungspflicht mehr. Und danach: Millionen.
Recherchen des Organized Crime and Corruption Reporting Project (OCCRP) zeigen, wie das Netzwerk dahinter aufgebaut ist. Im Mittelpunkt steht das Zentrum für Entwicklung zwischenmenschlicher Kommunikation, das im Jahr 2000 von Putin-nahen Personen gegründet wurde. Ljudmila Otscheretnaja gilt von Anfang an als inoffizielle Schirmherrin. Das Zentrum führte Veranstaltungen mit Titeln wie „Hirngymnastik“ und „Das Archetyp des Magiers“ durch, verdient sein Geld aber anderswo.
Das Zentrum besitzt ein historisches Herrenhaus in der Moskauer Wosdwischenka-Straße, direkt neben dem Kreml. Das Gebäude aus dem 19. Jahrhundert gilt als Vorbild für das Bolkonski-Haus in Tolstois „Krieg und Frieden“ und gehörte einst dem Großvater des Schriftstellers.
2005 wurde das Gebäude von der Präsidialadministration auf das Zentrum übertragen. Im staatlichen Grundbuch steht unter „Grund der Übertragung“: nichts. Schätzwert des Gebäudes zu diesem Zeitpunkt: über 2,4 Milliarden Rubel, rund 86 Millionen US-Dollar.
Die Mieteinnahmen fließen allerdings nicht an das Zentrum selbst, sondern an die Firma Meridian. Meridian vermietet die Flächen unter anderem an die staatliche VTB Bank, die Sberbank und einen Burger King. Jahresumsatz aus Mieten: geschätzte 3 bis 4 Millionen US-Dollar.
99 Prozent von Meridian gehören Ljudmila Otscheretnaja, eingetragen noch unter ihrem Mädchennamen Schkrebnewa. Sie übernahm die Firma 2014, dem Jahr, in dem die Scheidung abgeschlossen wurde. Mit einem erklärten Vorjahreseinkommen von 3.800 Dollar. Das verbleibende eine Prozent hält Tatjana Schestakowa, deren Mann Wassili Schestakow ein langjähriger Judopartner Putins und ehemaliger Duma-Abgeordneter ist.
Ihre Schwester Olga Tsomajewa war zeitweise Generaldirektorin von Intererservis, der Holdinggesellschaft, die Meridian vollständig besitzt.
CarMoney: 600.000 Euro im ersten Kriegsjahr
Über Meridian hielt Ljudmila Otscheretnaja bis Ende 2022 einen Anteil von 14,5 Prozent an dem Kleinkreditunternehmen CarMoney. Das Unternehmen vergibt Darlehen an russische Bürger, die ihre Autos als Pfand hinterlegen, ein Geschäftsmodell, das in wirtschaftlich angespannten Zeiten boomt.
Im ersten Jahr des Krieges gegen die Ukraine stieg CarMoneysis Reingewinn um 66 Prozent. Der russische Investigativjournalist Sergej Jeshow berechnete gegenüber der Bild-Zeitung, dass Otscheretnaja daraus mehr als 600.000 Euro allein in diesem Jahr erhielt.
Ende 2022 wurden ihre Anteile auf eine andere Firma übertragen, die ebenfalls nachweislich mit ihr in Verbindung steht. CarMoney war bis dahin über eine Offshore-Holding in Zypern registriert und wechselte anschließend unter russische Jurisdiktion. Analysten sehen darin den Versuch, die Beteiligung außer Reichweite weiterer Sanktionen zu bringen.
Immobilien in Frankreich, Spanien und der Schweiz
2015 heiratete Ljudmila den Unternehmer Artur Otscheretnyj, 20 Jahre jünger als sie und Leiter des Kommunikationszentrums. Gemeinsam bauten die beiden ein europäisches Immobilienportfolio auf:
- Frankreich: Die Villa „Rêverie“ in Anglet bei Biarritz. 5.000 Quadratmeter, gekauft von Artur Otscheretnyj im Dezember 2013 für 5,4 Millionen Euro, sechs Monate nach der Scheidungsankündigung. Die Pariser Staatsanwaltschaft (JUNALCO) durchsuchte das Anwesen. Im Dezember 2023 wurde die Villa auf Betreiben von Transparency International beschlagnahmt. Der Kreml bezeichnete die Maßnahme als „illegal“. Einen förmlichen Tatvorwurf gegen eine Person gibt es bislang nicht.
- Spanien: Zwei Luxusapartments in Marbella, 2011 und 2014 gekauft, Gesamtwert rund 2,2 Millionen Euro. 2023 verkauft, offenbar aus Furcht vor EU-Sanktionen.
- Schweiz: Ein Luxusapartment in Davos, erworben 2015, geschätzter Wert rund 3,5 Millionen Euro.
Das OCCRP stellte bei seiner Untersuchung der Biarritz-Villa fest, es gebe in Otscheretnyjs Hintergrund „nichts, was erklären würde, wie er sich eine solche Immobilie in dieser Lage hätte leisten können.“
Sanktionen: Wer handelt und wer nicht
| Datum | Maßnahme | Behörde |
|---|---|---|
| 13. Mai 2022 | Einfrieren von Vermögen + Einreiseverbot | Großbritannien |
| 21. März 2023 | Verbot von Treuhanddienstleistungen | Großbritannien |
| Dezember 2023 | Beschlagnahmung der Biarritz-Villa | Frankreich (JUNALCO) |
| 9. April 2025 | Ausschluss aus britischen Unternehmensämtern | Großbritannien |
| Juni 2025 | Vollständige Sanktionen | Kanada |
| August 2025 | Vollständige Sanktionen | Ukraine |
| Stand: März 2026 | Keine Sanktionen | EU, USA, Schweiz |
Das britische Außenministerium begründete die Maßnahmen damit, es bestünden begründete Anhaltspunkte, dass Otscheretnaja von „vorzugswürdigen Geschäftsbeziehungen mit staatseigenen Einrichtungen profitiert“ habe und mit Personen in Verbindung stehe, die an der Destabilisierung der Ukraine beteiligt sind.
Antikorruptionsorganisationen wie die von Alexej Nawalny gegründete ACF kritisieren seit Jahren, dass die EU, die USA und die Schweiz keine eigenen Sanktionen verhängt haben. Besonders brisant: Während Otscheretnaja auf EU-Territorium eine Wohnung im Schweizer Davos besitzt, steht ihr Name auf keiner europäischen Sanktionsliste.
März 2026: Kein Wort, keine Erklärung
Seit dem Scheidungsabend im Juni 2013 hat Ljudmila Alexandrowna Otscheretnaja kein einziges öffentliches Interview gegeben. Nach dem, was aus Dokumenten und Recherchen bekannt ist, lebt sie überwiegend in Moskau, tritt gelegentlich bei Veranstaltungen des Kommunikationszentrums auf und verwaltet ihre Geschäftsinteressen über Meridian und Intererservis. Ihr Mann Artur Otscheretnyj leitet weiterhin das Zentrum.
Ihre Vermögenswerte in Großbritannien sind eingefroren. Die Villa in Frankreich ist beschlagnahmt. Die Wohnung in Davos steht auf keiner Sanktionsliste. Dokumente aus mehreren Ländern zeichnen das Bild eines Finanznetzwerks, das unmittelbar nach der Scheidung aufgebaut wurde und bis heute in Betrieb ist. Wo Putins Ex-Frau Ljudmila Otscheretnaja selbst dazu steht, weiß niemand. Sie sagt nichts.
Quellen: OCCRP, Reuters, Kyiv Independent, HM Treasury UK (OpenSanctions), Tagesspiegel, t-online, Blick, Transparency International, ACF/FBK, Wikipedia EN/DE, Al Jazeera, The Daily Beast

