Hamburg, März 2026. Am Abend des 5. Dezember 2012 schalteten 3,92 Millionen Deutsche den Ersten ein. Was sie sahen, war kein Blockbuster, sondern ein 90-minütiger ARD-Fernsehfilm über einen schwierigen Schüler, gespielt von einem elfjährigen Jungen aus Hamburg. Dieser Junge war Anton Wempner.
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Der Fernsehfilm, der in Erinnerung blieb
„Zappelphilipp“ handelt von Fabian Haas, einem neunjährigen Grundschüler, der den Unterricht aufwirbelt, überall aneckt und trotzdem nirgendwo wirklich böse ist. Die Lehrerin Hannah Winter, gespielt von Bibiana Beglau, kämpft für ihn, während Eltern und Schulleitung immer lauter nach Medikamenten rufen.
ADHS oder nicht? Regisseurin Connie Walther ließ diese Frage am Ende bewusst offen. Das Drehbuch stammt von Silke Zertz. Produziert wurde der Film von der Neue Schönhauser Filmproduktions GmbH im Auftrag des Bayerischen Rundfunks.
Was Anton Wempner in dieser Rolle leistete, fiel auf. Er spielte eine der fordernsten Kinderrollen des deutschen Fernsehens jenes Jahres, ohne je aufgesetzt zu wirken. Ein Kind, das überfordert ist und gleichzeitig nach Halt sucht. Diese Spannung trug der Film auf seinen Schultern.
Preisgekrönt auf internationalem Parkett
„Zappelphilipp“ war kein reiner Quotenfilm. Beim FIPA (Festival International de Programmes Audiovisuels) in Biarritz holte er gleich zwei Hauptpreise:
- FIPA d’Or, Bester Fiction-Film
- FIPA d’Or, Beste Filmmusik
- Deutscher Kamerapreis 2013 für den besten Schnitt (Sabine Brose)
- Nominierung für den Grimme-Preis
Arte sendete den Film am 17. Januar 2014 unter dem Titel L’enfant terrible. In der Fachliteratur zu Lehrerausbildung gilt er seither als empfohlene Pflichtlektüre. Wissenschaftler attestierten dem Werk eine „hervorragende Konzeptionalisierung“ des ADHS-Themas sowie ein hohes ästhetisches Niveau.
Die Familie hinter dem Namen
Anton Wempner wuchs nicht in gewöhnlichen Verhältnissen auf. Über das Hamburger „Projekt Findelbaby“ kam er als Kleinkind zunächst als Pflegekind zu Rolf Becker und Sylvia Wempner. 2004, mit rund drei Jahren, wurde er von dem Paar offiziell adoptiert.
Rolf Becker (31. März 1935 in Leipzig) war eine feste Größe des deutschen Film- und Fernsehschaffens. Über 60 Jahre lang stand er vor der Kamera, in über 200 Produktionen. Einem Millionenpublikum bekannt wurde er als Otto Stein in der ARD-Serie In aller Freundschaft, eine Rolle, die er von 2006 bis zu seinem Tod spielte. Rolf Becker starb am 12. Dezember 2025 in Hamburg im Alter von 90 Jahren.
Sylvia Wempner, Jahrgang 1954, aus Flensburg, ist selbst Schauspielerin und seit Ende der 1980er Jahre Dozentin am Hamburger Schauspiel-Studio Frese. Ihr Familienname trägt eine eigene Geschichte: Ihre Eltern Fritz Wempner (1910 bis 1994) und Irmgard Wempner (1926 bis 2020) waren jahrzehntelang feste Ensemblemitglieder an der Niederdeutschen Bühne Flensburg. Anton erhielt nach der Adoption den Namen seiner Adoptivmutter.
Aus Rolf Beckers erster Ehe stammen die Schauspieler Ben Becker und Meret Becker, beide bekannte Namen in der deutschen Kulturlandschaft. Ben Becker, 37 Jahre älter als Anton, begleitete seinen jüngeren Bruder bei der Filmpremiere von „Zappelphilipp“ über den roten Teppich.
Anton Wempner wuchs also in einem Haushalt auf, in dem Theater, Film und Fernsehen zum Alltag gehörten. Schauspiel war keine Fremde Welt für ihn.
Zehn Jahre Pause, dann ein neuer Weg
Nach 2012 verschwand Anton Wempner aus der Öffentlichkeit. Keine weiteren Schauspielrollen, keine Interviews, kein roter Teppich mehr. Zehn Jahre lang taucht sein Name in keiner Produktionsliste auf.
2022 änderte sich das. Diesmal stand er nicht vor der Kamera, sondern arbeitete als Teil des Visual-Effects-Teams bei Lumatic Animation & VFX GmbH in Hamburg, und zwar für einen der kommerziell erfolgreichsten deutschen Kinofranchises der letzten Jahre.
Lumatic und die Schule der magischen Tiere
Lumatic ist 2014 von Dennis Rettkowski, Lars Krüger, Tomer Eshed, Alexander Pohl und Michael Herm gegründet worden. Das Hamburger Studio zählt heute zu den gefragtesten Adressen für Computeranimation und Visual Effects im deutschsprachigen Raum.
Bekannte Lumatic-Produktionen:
| Film / Serie | Jahr | Besonderheit |
|---|---|---|
| Die Schule der magischen Tiere | 2021 | Erfolgreichster deutscher Kinofilm des Jahres |
| Und morgen die ganze Welt | 2019 | Deutschlands Oscar-Einreichung |
| Firedrake the Silver Dragon | 2020 | Constantin Film, internationale Produktion |
| Child’s Play | 2019 | Orion Pictures |
| Berlin ER / KRANK | 2025 | Apple TV+, Platz 1 der deutschen Charts |
Für Teil 1 der „Schule der magischen Tiere“ gewann Lumatic 2022 den Deutschen Filmpreis (Lola) in der Kategorie Beste Visuelle Effekte.
Für Teil 2 (Kinostart September 2022), an dem Anton Wempner beteiligt war, übernahm das Studio erstmals die vollständige Produktion aller fünf digitalen Tiercharaktere im eigenen Haus:
- 371 Shots animiert, beleuchtet und fertiggestellt
- Rund 20 Minuten finaler Leinwandzeit
- Technische Pipeline: Maya, Houdini, RenderMan, Compositing in Nuke
Die Buchreihe von Margit Auer, auf der die Filmreihe basiert, wurde in über 20 Sprachen übersetzt. Im deutschsprachigen Raum wurden mehr als 4,8 Millionen Exemplare verkauft.
Was bleibt
Anton Wempner gibt keine Interviews. Er betreibt keine öffentlichen Auftritte. Was er hinterlässt, sind Fakten: eine mehrfach ausgezeichnete Hauptrolle als Kinderdarsteller in einem ARD-Film, den Millionen gesehen haben, und eine professionelle Karriere im Visual-Effects-Bereich bei einem der renommiertesten Animationsstudios Deutschlands.
Aufgewachsen als Adoptivsohn einer norddeutschen Schauspielerfamilie, groß geworden in Hamburg, heute Teil der deutschen Filmproduktion, diesmal als Visual-Effects-Artist. Der Weg von Anton Wempner ist kürzer zu beschreiben als er zu gehen war.

