Ein Jahr nach dem Ende seiner Amtszeit bewerten 35 Prozent der Deutschen die Kanzlerschaft von Olaf Scholz besser als die seines Nachfolgers Friedrich Merz. Nur 22 Prozent sehen das anders. Das ist eine bemerkenswerte Zahl für einen Mann, der im Februar 2025 mit dem schlechtesten SPD-Ergebnis seit 1933 abgewählt wurde.
Wer Olaf Scholz politisch einordnen will, muss weit zurückgehen.
Inhaltsverzeichnis
Steckbrief
| Geboren | 14. Juni 1958, Osnabrück |
| Aufgewachsen | Hamburg-Rahlstedt |
| Partei | SPD (Mitglied seit 1975) |
| Studium | Jura, Universität Hamburg (1978 bis 1984) |
| Ehefrau | Britta Ernst, SPD-Politikerin (seit 1998) |
| Kanzleramt | 8. Dezember 2021 bis 25. März 2025 |
| Amtsübergabe an | Friedrich Merz (CDU) |
| Aktuell | SPD-Abgeordneter, 21. Bundestag |
Vom marxistischen Jusos-Chef zum Bundeskanzler
Scholz wächst in einer Arbeiterfamilie auf. Vater und Mutter arbeiten in der Textilindustrie, der Großvater ist Eisenbahner. Mit zwölf Jahren erklärt er seinem Vater, Bundeskanzler werden zu wollen. Mit 17 tritt er der SPD bei.
Was in den folgenden Jahren folgt, passt kaum zum späteren Bild des nüchternen Technokraten.
An der Universität Hamburg schließt er sich dem linken Flügel der Jusos an, konkret der sogenannten Stamokap-Fraktion, dem marxistischen Flügel der SPD-Jugend. In eigenen Veröffentlichungen fordert er die „Überwindung der kapitalistischen Wirtschaft“, bezeichnet die NATO als „aggressiv-imperialistisch“ und die Bundesrepublik als „europäische Hochburg des Großkapitals“.
Von 1982 bis 1988 ist er stellvertretender Bundesvorsitzender der Jusos. Am 4. Januar 1984 reist er nach Ostdeutschland und trifft Egon Krenz, den späteren letzten SED-Generalsekretär, sowie weitere Parteifunktionäre. 1987 hält er beim FDJ-Friedensmarsch in Wittenberg eine Rede, die der DDR-Staatsrundfunk ausstrahlt. Die Ostberliner Führung notiert ihn als Teil des „konsequentesten“ Teils der SPD, also der Fraktion, die am stärksten zur Zusammenarbeit mit dem kommunistischen Regime bereit sei.
Auf diesen Lebensabschnitt angesprochen sagt Scholz später lakonisch, er habe „so ziemlich alle möglichen Fehler“ gemacht.
Die Metamorphose beginnt mit dem Berufseinstieg als Arbeitsrechtsanwalt in Hamburg nach dem zweiten Staatsexamen 1985. Als er 1998 erstmals in den Bundestag einzieht, ist von den früheren Positionen nichts mehr übrig. Als SPD-Generalsekretär unter Gerhard Schröder von 2002 bis 2004 verteidigt er die tiefsten Sozialkürzungen der deutschen Nachkriegsgeschichte, Agenda 2010 und Hartz IV, in allen Talkshows. Er setzt sich sogar dafür ein, den Begriff „demokratischer Sozialismus“ aus dem SPD-Parteiprogramm zu streichen.
Sein trockener, mechanischer Auftritt in Interviews bringt ihm schon damals den Spitznamen „Scholzomat“ ein. Er findet ihn 2013 „sehr treffend“.
Der Aufstieg: Hamburg, Merkel, Berliner Republik
Die Karrierestationen sind lang:
- 2007 bis 2009: Bundesminister für Arbeit und Soziales unter Angela Merkel. Sein Kurzarbeitergeld-Konzept schützt Deutschland in der Finanzkrise vor einer Welle an Massenentlassungen.
- 2011 bis 2018: Erster Bürgermeister von Hamburg, Deutschlands zweitgrößter Stadt. Er gewinnt die Bürgerschaftswahl mit klarer Mehrheit und regiert sieben Jahre.
- 2018 bis 2021: Bundesfinanzminister und Vizekanzler in Merkels vierter Regierung. Er organisiert ein milliardenschweres Hilfspaket während der Corona-Pandemie.
- 26. September 2021: Die SPD gewinnt die Bundestagswahl mit 25,7 Prozent.
- 8. Dezember 2021: Der Bundestag wählt Olaf Scholz mit 395 Stimmen zum neunten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland.
Er führt die erste Ampelkoalition auf Bundesebene: SPD, Grüne, FDP. Intern läuft sein Führungsstil unter dem Kürzel „OWD“ für „Olaf Will Das“. Nach außen bleibt er das, was er immer war: verlässlich, trocken, ohne Bühnenpräsenz.
Die Zeitenwende: Drei Tage nach dem Einmarsch
Drei Tage nach dem russischen Überfall auf die Ukraine hält Scholz am 27. Februar 2022 eine Rede vor dem Bundestag, die in die Geschichtsbücher eingeht. Er nennt es eine „Zeitenwende“ in der europäischen Sicherheitsordnung. Derselbe Mann, der in den 1980ern auf Ostberliner Friedensmärschen sprach, bricht mit Jahrzehnten außenpolitischer Zurückhaltung:
- Sofortige Lieferung von 1.000 Panzerabwehrwaffen und 500 Stinger-Raketen an die Ukraine
- Ein 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen für die Bundeswehr
- Dauerhaftes Verteidigungsbudget auf 2 Prozent des BIP
- Im Mai 2024: Genehmigung ukrainischer Angriffe auf russische Ziele mit deutschen Waffen
- Im Juli 2024: Zustimmung zur Stationierung amerikanischer Langstreckenraketen auf deutschem Boden ab 2026
Deutschland wird zum zweitgrößten Ukraine-Unterstützer nach den USA: fast 40 Milliarden Euro Gesamthilfe, 1,2 Millionen aufgenommene Flüchtlinge.
Gleichzeitig weigert er sich bis zum Ende seiner Amtszeit, der Ukraine Taurus-Marschflugkörper zu liefern. Im Wahlkampf ruft er Wladimir Putin an, was westliche Verbündete offen brüskiert. Europa schließt Berlin zunehmend aus wichtigen Beratungen aus. Scholz inszeniert sich als Friedenskanzler, obwohl seine eigenen Rüstungsentscheidungen das Gegenteil belegen. Diesen Widerspruch hat er nie aufgelöst.
Das Ende der Ampel und die historische Wahlniederlage
Am 6. November 2024 entlässt Scholz Finanzminister Christian Lindner (FDP) wegen des Haushaltsstreits 2025. Die Koalition zerbricht.
Am 16. Dezember 2024 verliert er die Vertrauensabstimmung: 394 Nein gegen 207 Ja.
Bundestagswahl, 23. Februar 2025:
| Partei | Ergebnis |
|---|---|
| CDU/CSU | 28,5 % |
| AfD | ca. 20 % |
| SPD | 16,4 % |
| Grüne | ca. 11 % |
Das schlechteste SPD-Ergebnis seit Gründung der Bundesrepublik. Nicht einmal nach 1945 hatte die Partei je so wenig geholt.
Kurz vor dem Abgang setzt Scholz gemeinsam mit Merz noch einen letzten Schritt durch: Die Reform der Schuldenbremse und ein 500-Milliarden-Euro-Investitionsfonds für Infrastruktur und Klimaschutz werden im März 2025 mit Zweidrittelmehrheit verabschiedet. Der Zeitpunkt ist bewusst gewählt: Im neuen Bundestag hätten AfD und Linke zusammen diese Mehrheit blockieren können.
Am 25. März 2025 entlässt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Scholz und sein Kabinett mit militärischen Ehren.
Cum-Ex und Wirecard: Zwei Affären, ein Muster
Über Scholz‘ Karriere legen sich zwei schwere Finanzaffären, die bis heute nicht vollständig aufgeklärt sind.
Cum-Ex und die Warburg Bank
Als Hamburger Bürgermeister trifft Scholz 2016 und 2017 dreimal mit Christian Olearius zusammen, dem Mitinhaber der Hamburger Privatbank M.M. Warburg, gegen den zu dieser Zeit bereits die Staatsanwaltschaft Köln wegen schwerer Steuerhinterziehung ermittelt. Hamburg verzichtet danach auf die Rückforderung von 47 Millionen Euro aus illegalen Cum-Ex-Geschäften. Die Ansprüche verjähren.
Vor dem Hamburger Parlamentarischen Untersuchungsausschuss bestreitet Scholz zunächst die Treffen. Tagebucheinträge des Bankiers widerlegen das. Scholz gibt die Begegnungen schließlich zu, behauptet jedoch, sich an keinen einzigen inhaltlichen Aspekt erinnern zu können. Er wird dreimal als Zeuge befragt. Über 25.000 Menschen unterzeichnen eine Petition, in der sie ihn auffordern, auch gelöschte Kalendereinträge und E-Mails zu erklären. Der Bundesgerichtshof verurteilte die Bank 2021 zur Rückzahlung von über 176 Millionen Euro.
Juristisch nachgewiesen wurde Scholz‘ persönliche Beteiligung bis heute nicht.
Wirecard
Der größte Unternehmensbetrug der deutschen Nachkriegsgeschichte vollzieht sich unter seiner direkten politischen Verantwortung als Bundesfinanzminister. Im Juni 2020 bricht Wirecard zusammen: 1,9 Milliarden Euro auf philippinischen Treuhandkonten existieren schlicht nicht.
Interne Dokumente belegen, dass Scholz bereits im Februar 2019 von BaFin-Untersuchungen zu Wirecard wusste. Statt das Unternehmen zu prüfen, leitete BaFin zunächst Ermittlungen gegen den britischen Financial Times-Journalisten ein, der den Betrug aufgedeckt hatte. Scholz räumte später ein, das sei „nicht richtig“ gewesen. BaFin-Mitarbeiter handelten in den 18 Monaten vor der Insolvenz aktiv mit Wirecard-Aktien und Derivaten. Hinzu kommen Berichte, nach denen Scholz über private E-Mail-Konten mit Mitarbeitern seines Ministeriums zu Wirecard kommunizierte. Die Nachrichten wurden gelöscht.
Vor dem Bundestags-Untersuchungsausschuss wies er persönliche Verantwortung zurück und verwies auf den Wirtschaftsprüfer EY. Als Reaktion trieb er die FISG-Reform voran, die BaFin erheblich mehr Befugnisse gab.
Zwei verschiedene Affären. Zwei nahezu identische Muster: interne Kommunikation verschwunden, Erinnerungen lückenhaft, strafrechtliche Verantwortung bis heute nicht nachweisbar.
Olaf Scholz heute: Bundestag, LSE und eine überraschende Umfrage
Seit dem Frühjahr 2025 sitzt Olaf Scholz als einfacher SPD-Abgeordneter im 21. Deutschen Bundestag. Er hat seinen Direktwahlkreis per Erststimme gewonnen und nimmt das Mandat wahr. Eine Führungsrolle in der Fraktion hat er nicht.
Am 29. Januar 2026 stimmte er zuletzt namentlich im Plenum ab. Am 3. Februar 2026 sprach er beim Symposium der German Society an der London School of Economics in London.
Wer ihn heute im Internet sucht, stößt schnell auf hartnäckige Gerüchte über einen angeblichen Schlaganfall im Jahr 2023. Dahinter steckt ein Joggingsturz in Potsdam vom September 2023, nach dem Scholz mehrere Wochen eine Augenklappe trug. Das Gerücht um den Scholz-Schlaganfall ist medizinisch vollständig widerlegt.
Olaf Scholz hat in seiner Kanzlerschaft Deutschlands größtes Rüstungsprogramm seit dem Zweiten Weltkrieg angestoßen, seine eigene Koalition verloren, seine Partei in die tiefste Krise der Nachkriegsgeschichte geführt und zwei Finanzaffären hinterlassen, die offen bleiben. Ein Jahr später sitzt er in den Hinterbänken des Bundestags, während eine wachsende Zahl Deutscher seine Amtszeit rückblickend besser bewertet als die seines Nachfolgers. Die endgültige Einordnung von Scholz als Bundeskanzler wird noch Zeit brauchen.

