Josefine Cox: Von Armut zu 20 Millionen Büchern

Jeden Freitag versammelten sich 20 bis 30 Kinder auf einem Schuttgelände in Blackburn. Sie zahlten einen Penny. Wer nicht zahlte, durfte nicht zuhören. Das Mädchen, das dort erzählte, hieß Josephine Brindle.

Jahrzehnte später war dieselbe Frau die meistgeliehene Autorin britischer Bibliotheken, noch vor John Grisham.



Wer war Josephine Cox?

Josephine Cox, geboren am 15. Juli 1938 in Blackburn, Lancashire als Josephine Brindle, war eine englische Autorin von Familienromanen und historischer Frauenliteratur. In über drei Jahrzehnten schrieb sie mehr als 60 Romane bei HarperCollins, die sich weltweit über 20 Millionen Mal verkauften und regelmäßig die Spitze der Sunday Times-Bestsellerliste erreichten. Sie starb am 17. Juli 2020 im Alter von 82 Jahren. Noch im Jahr 2026 veröffentlicht HarperCollins posthume Werke von ihr.


GeburtsnameJosephine Brindle
Geboren15. Juli 1938, Blackburn, Lancashire
Gestorben17. Juli 2020, im Alter von 82 Jahren
VerlagHarperCollins
ErstwerkHer Father’s Sins (1988)
Bücher gesamtÜber 60 Romane
Verkaufte ExemplareÜber 20 Millionen weltweit
PseudonymJane Brindle
SöhneWayne und Spencer
AuszeichnungNielsen Honorary Platinum Bestseller Award (2008)

Aufgewachsen in Blackburn: Eine Kindheit ohne Spielraum

Josephine war eines von zehn Kindern. Ihr Vater, Bernard Brindle, irischer Einwanderer, arbeitete als Straßenkehrer und pflegte nebenbei den Rasen des Fußballplatzes von Blackburn Rovers. Den Wochenlohn bekam er freitags in einem Pub ausgezahlt. Dort blieb er meist auch.

Die Familie hatte kein Geschirr. Tee wurde aus Marmeladengläsern getrunken, Kleidung vom Trödler gekauft. Als Kind wurde Josephine in den Pub geschickt, um den betrunkenen Vater nach Hause zu holen. Manchmal stieg sie auf den Tresen, sang und sammelte Münzen in einer flachen Mütze ein, für die Mutter.

Die Penny-Geschichten auf dem Schuttgelände der Derwent Street gaben der Familie Geld für Brot und Gas.

Mit 14 Jahren verließ die Mutter den Vater und zog mit sieben Kindern rund 300 Kilometer nach Süden. Zwei ältere Brüder blieben zurück. Josephine war dabei.

Das Blackburn dieser Jahre taucht in fast jedem ihrer späteren Romane auf. Die Fabriken, die engen Straßen, Familien, die trotz allem zusammenhalten. Ihr literarisches Vorbild war Charles Dickens. Den Vergleich mit ihm, den sie später aus Zeitungen ausschneiden und einrahmen sollte, sah sie als größte Anerkennung.


Mit 16 verheiratet, Cambridge abgelehnt

Josephine lernte Ken Cox, den Sohn ihrer Vermieterin, mit 16 Jahren kennen und heiratete ihn kurz darauf. Zusammen bekamen sie zwei Söhne: Wayne und Spencer.

Als die Kinder alt genug für die Schule waren, begann Josephine ein Studium. Sie erhielt einen Platz an der Universität Cambridge für Englisch und Geschichte.

Sie lehnte ab.

Cambridge hätte bedeutet, von ihrer Familie getrennt zu leben. Das war für sie keine Option. Sie sagte später, in dieser Entscheidung das Schicksal gesehen zu haben. Sie wurde Lehrerin.


Das Krankenhaus, das alles in Gang setzte

In den frühen 1980er Jahren lag Josephine Cox wegen einer schweren Erkrankung sechs Wochen im Krankenhaus. Eine Freundin brachte ihr Papier und einen Stift. Ihr Mann Ken drängte sie, das fertige Manuskript an einen Verlag zu schicken.

Das Buch, das in diesem Zimmer entstand, war Her Father’s Sins, erschienen 1988. Es erzählt von der jungen Queenie in Nachkriegs-Blackburn, die gegen einen tyrannischen, trinkenden Vater ankämpft und trotz allem aufrecht bleibt. Eine Figur, die klar aus dem eigenen Leben gespeist war.

Im selben Jahr gewann Cox den „Superwoman of Great Britain Award“. Ihre Familie hatte sie heimlich angemeldet. Verlag, Preis und erster Erfolg trafen gleichzeitig ein.

Cox gab das Lehramt danach auf. Bis dahin hatte sie nach der Unterrichtsstunde bis Mitternacht geschrieben. Der erste Roman war genug, um den Schritt zu wagen. Als die Leser eine Fortsetzung verlangten, lieferte sie.

„Meine Leser bestimmen, was ich schreibe“, sagte Cox.


Jane Brindle: Sechs Bücher, die eine Familie retteten

Anfang der 1990er Jahre, als ihre Karriere als Josephine Cox bereits lief, geriet die Familie in ernste finanzielle Not. Kens Speditionsunternehmen scheiterte. Das Haus wurde verloren.

Cox schrieb in dieser Zeit sechs Psychothriller unter dem Pseudonym Jane Brindle, dem Mädchennamen ihrer Mutter. Darunter Scarlet (1991) und No Mercy (1992). Die Bücher erschienen parallel zu ihren Familienromanen und sicherten das Einkommen der Familie.

„All die dunklen Dinge hatten mich erdrückt. Ich schrieb sechs davon, und sie verkauften sich wirklich gut.“

Josephine Cox, Western Daily Press, 2013


60 Bücher, 20 Millionen Leser, ein gerahmtes Zitat

Die britischen Public Lending Rights-Statistiken führten Josephine Cox jahrelang unter den drei meistgeliehenen Autoren des Landes, hinter sich ließ sie dabei auch John Grisham. Als Verfechterin britischer Bibliotheken rügte sie den damaligen Premierminister Gordon Brown öffentlich für die Finanzlage der Büchereien.

Ihre Erfolge in Zahlen:

  • Über 60 Romane in mehr als drei Jahrzehnten, alle bei HarperCollins
  • 20 Millionen verkaufte Bücher weltweit
  • Mehrfach auf Platz 1 der Sunday Times-Bestsellerliste, u. a. mit The Journey (2005)
  • Nielsen Honorary Platinum Bestseller Award (2008)
  • Jahrelang Top 3 der meistgeliehenen Autoren in britischen Bibliotheken

Täglich kamen Postsäcke mit Leserbriefen an. Jeden einzelnen beantwortete Josephine Cox persönlich, manchmal seitenlang. Vor jedem Roman erstellte sie für jede Figur ein detailliertes Profil auf DIN-A4-Blättern, die rund um ihren Schreibtisch hingen. Alle Figuren basierten auf echten Menschen.

The Broken Man (2013) basiert auf einem Mann aus ihrer Kindheit, der Kindern in ihrer Nachbarschaft geschadet hatte, auch der eigenen Schwester. Das Buch war für Cox ein Weg, mit der eigenen Vergangenheit abzuschließen.

Die Presse nannte sie die „Dickens des 21. Jahrhunderts“. Das Zitat hing gerahmt an ihrer Wand.


Tod 2020 und ein Erbe, das noch wächst

Ken Cox starb 2002. Jeden ihrer Romane hatte Josephine ihm gewidmet.

Sie selbst starb am 17. Juli 2020, zwei Tage nach ihrem 82. Geburtstag. Ihr letztes zu Lebzeiten erschienenes Buch, Two Sisters, war im Februar 2020 erschienen und stieg sofort auf die britischen Bestsellerlisten.

Kimberley Young, Verlagsgeschäftsführerin bei HarperCollins Fiction, erklärte nach ihrem Tod:

„Josephine hinterlässt ein Vermächtnis, nicht nur durch ihre Geschichten, die Millionen von Herzen berührt haben, sondern als Frau, die anderen den Weg gewiesen hat, von bescheidenen Anfängen an die Spitze der Bestsellerlisten zu gelangen.“

HarperCollins veröffentlicht die Werke von Josefine Cox weiterhin. Im Jahr 2025 erschien A Daughter’s Secret, im Mai 2026 folgt die Taschenbuchausgabe von No Angel, bereits offiziell bei HarperCollins UK gelistet.


Josephine Cox hatte als Kind kein Geschirr. Tee aus Marmeladengläsern, Kleider vom Trödler, Pennys für Brot. Als sie Millionärin wurde, kaufte sie stapelweise Knochenporzellan-Teeservice und ließ sie fast unberührt auf dem Dachboden stehen. Blackburn hatte sie geformt. Die Geschichten ließen sie nie los. Ihre Leser auch nicht.

Eric Kuster
Eric Kusterhttps://infozentral.de/
Eric Kuster schreibt seit 2015 über Politik, Promis, Sport und Gesellschaft. Er arbeitete für die Münchner Abendzeitung und mehrere Online-Portale, wo er Bundestagsdebatten, Promi-Skandale, Fußball-Transfers und Gerichtsverfahren abdeckte. Kuster berichtete aus dem Bundestag, interviewte Bundesliga-Spieler und recherchierte zu Steuerhinterziehungsfällen deutscher Prominenter. In Köln aufgewachsen, zog er 2019 nach Berlin, um näher am politischen Geschehen zu sein. Er verfolgt Entertainment-News genauso wie Migrations- und Technologiethemen. Im Februar 2026 gründete er Info Zentral, weil ihm Schnelligkeit ohne Oberflächlichkeit wichtig ist. Kuster hat Politikwissenschaft studiert, aber das meiste lernte er in Redaktionen.

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