Im Dezember 2025 übergab Prof. Dr. Andreas Löschel den Jahresbericht seiner Expertenkommission persönlich an das Bundeswirtschaftsministerium. Das Fazit war unmissverständlich: Die Energiewende macht Fortschritte, aber bei Versorgungssicherheit, Netzinfrastruktur und Energieeffizienz bleiben die Rückstände erheblich. Seit 2011 leitet Löschel die unabhängige Kommission, die den Fortschritt der deutschen Energiewende für die Bundesregierung bewertet. Gleichzeitig verantwortet er beim Weltklimarat IPCC das globale Energiesystemkapitel für den nächsten Sachstandsbericht. Kaum ein anderer Wirtschaftswissenschaftler in Deutschland nimmt beide Rollen gleichzeitig wahr.
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Die Energiewende auf dem Prüfstand
Der Kommission gehören neben Löschel Prof. Dr. Veronika Grimm, Dr. Felix Matthes und Prof. Dr. Anke Weidlich an. Im Monitoringbericht 2025 benennen sie drei Handlungsfelder, bei denen die Bundesregierung nach Einschätzung der Experten nachsteuern muss:
- Marktdesign: Das deutsche Stromsystem deckt bereits über 50 Prozent seines Bedarfs aus erneuerbaren Energien. Die bisherigen Marktregeln sind dafür nicht mehr ausgelegt. Preissignale müssen stärker auf systemdienliche Investitionen ausgerichtet werden.
- Wasserstoff und fossile Energieträger: Der Wasserstoffhochlauf braucht mehr Tempo. Gleichzeitig geht die Nachfrage nach Erdgas und Mineralöl absehbar zurück, ohne dass eine integrierte Übergangsstrategie vorliegt.
- Förderkohärenz: Zu viele Instrumente laufen gegenläufig. Die Kommission fordert den Abbau überflüssiger und kontraproduktiver Maßnahmen.
Löschel formulierte es so: „Die Energiewende kommt voran, doch der aktuelle Monitoringbericht zeigt: Insbesondere bei den Themen Versorgungssicherheit, Netzinfrastruktur und Energieeffizienz bestehen weiterhin erhebliche Herausforderungen. Es braucht jetzt Entschlossenheit, damit die Energiewende Kurs hält.“
Bereits ein Statusupdate der Kommission im März 2025 hatte gemischte Signale gezeigt: leichte Verbesserungen bei Netzentgelten und Treibhausgasemissionen, gleichzeitig Rückschritte bei der Marktintegration erneuerbarer Energien und beim Ausbau steuerbarer Kraftwerke. Den gesamten Investitionsbedarf für Übertragungs- und Verteilernetze in Deutschland beziffert der Energieökonom auf rund 350 Milliarden Euro.
Werdegang: Vom ZEW bis zur Ruhr-Universität Bochum
Andreas Löschel studierte Volkswirtschaftslehre an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, der University of California Los Angeles und der Wayne State University in Detroit, wo er den Master abschloss. Seine Promotion folgte 2003 an der Universität Mannheim, gefördert durch ein Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Er untersuchte darin die ökonomischen Wirkungen klimapolitischer Maßnahmen. Die Habilitation legte er 2009 an der Universität Oldenburg ab.
Berufliche Stationen:
- 1999: Einstieg als Forscher am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim
- 2005 bis 2007: Wissenschaftlicher Referent bei der Europäischen Kommission, Institute for Prospective Technological Studies, Sevilla
- 2007 bis 2014: Leiter des Forschungsbereichs Umwelt- und Ressourcenökonomik am ZEW
- 2010: Professur an der Universität Heidelberg
- 2014: Inhaber des Lehrstuhls für Energie- und Ressourcenökonomik, Westfälische Wilhelms-Universität Münster; Direktor des Centrums für Angewandte Wirtschaftsforschung (CAWM)
- ab September 2021: Lehrstuhl für Umwelt-/Ressourcenökonomik und Nachhaltigkeit an der Ruhr-Universität Bochum; Wissenschaftler am RWI, Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung
Löschel berät die Europäische Kommission, das Europäische Parlament, die OECD und die Weltbank in energie- und klimapolitischen Fragen. An den Folgenabschätzungen des EU-Energie- und Klimapakets 2020 sowie des EU-Klimarahmens 2030 hat er mitgearbeitet. Er ist Mitglied der wissenschaftlichen Beiräte von Agora Energiewende, DIW, EWI, EPICO und dem Wuppertal Institut sowie der Deutschen Akademie für Technikwissenschaften (acatech).
Löschels globale Klimarolle: Drei IPCC-Zyklen in Folge
Beim Weltklimarat IPCC hat Löschel an drei aufeinanderfolgenden Bewertungszyklen mitgewirkt. Diese Kontinuität ist auch im internationalen Vergleich ungewöhnlich.
| Sachstandsbericht | Zeitraum | Funktion |
|---|---|---|
| AR5 (5. Sachstandsbericht) | 2010 bis 2014 | Leitautor, Arbeitsgruppe III |
| AR6 (6. Sachstandsbericht) | 2017 bis 2022 | Leitautor, Arbeitsgruppe III |
| AR7 (7. Sachstandsbericht) | 2025 bis 2029 | Koordinierender Leitautor, Kapitel Energiesysteme |
Im laufenden AR7-Zyklus trägt er als Koordinierender Leitautor die inhaltliche Verantwortung für das Energiesystemkapitel. Die Arbeitsgruppenbericht sollen ab Mitte 2028 erscheinen, der Synthesebericht bis Ende 2029. Zwischen 2014 und 2017 war Löschel außerdem Leitautor des Global Environment Outlook (GEO-6) des UN-Umweltprogramms UNEP.
Forschung mit politischer Wirkung
Ein konkretes Beispiel dafür, wie seine Forschung direkt in laufende Entscheidungsprozesse einfloss, ist das Jahr 2022. Als Deutschland nach dem russischen Angriff auf die Ukraine vor der Frage stand, ob ein Stopp russischer Energieimporte wirtschaftlich verkraftbar wäre, lag eine ökonomische Analyse bereits vor. Löschel war Mitautor von „What if? The Economic Effects for Germany of a Stop of Energy Imports from Russia“, zusammen mit Rudi Bachmann, Benjamin Moll von der London School of Economics, Moritz Schularick und weiteren Ökonomen. Das Working Paper wurde in der politischen Debatte intensiv aufgegriffen und erschien 2024 im Fachjournal Economica.
Methodisch arbeitet Löschel an der Schnittstelle von verhaltensökonomischen Feldexperimenten, makroökonomischer Simulationsanalyse und angewandter Mikroökonomik. Er untersucht konkrete Fragen: Wie reagieren Haushalte tatsächlich auf CO2-Bepreisung? Welche Rolle spielen Subventionen bei Energieinvestitionen? Wann funktionieren Informationsnudges, und wann nicht? Jüngste Veröffentlichungen erschienen in Nature Human Behaviour (2025), dem Journal of the European Economic Association (2025) und Nature Energy (2021). Insgesamt hat er über 100 Arbeiten in Zeitschriften des Science Citation Index publiziert, mit mehr als 13.000 Zitierungen auf Google Scholar.
ESYS: Seit 2012 dabei, seit 2024 an der Spitze
Seit Anfang 2024 leitet Löschel als Vorsitzender des Direktoriums die Akademieninitiative „Energiesysteme der Zukunft“ (ESYS), getragen von acatech, der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und der Union der deutschen Akademien. In dieser Struktur ist er kein Neueinsteiger: Seit 2012 gehört er dem Projekt an, von 2013 bis 2023 war er im Kuratorium aktiv.
Das achtköpfige Direktorium, dem er vorsteht, steuert die inhaltliche Arbeit von ESYS und vertritt das Projekt nach außen. Weitere Mitglieder sind unter anderem Prof. Karen Pittel vom ifo Institut, Prof. Hans-Martin Henning vom Fraunhofer ISE und Prof. Anke Weidlich von der Universität Freiburg. Unter Löschels Leitung wurde ESYS im Januar 2025 dauerhaft institutionalisiert und wird seitdem vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt gefördert. Auf der ESYS-Jahreskonferenz im Februar 2025 in Berlin moderierte er die abschließende Podiumsdiskussion zur Rolle von Energieszenarien in der Klimapolitik.
2022 erhielt Löschel den Deutschen Wirtschaftspreis der Joachim Herz Stiftung für herausragende wirtschaftswissenschaftliche Forschung, mit 150.000 Euro das höchstdotierte Forschungspreise in den Wirtschaftswissenschaften in Deutschland. Im F.A.Z.-Ökonomenranking wurde er mehrfach unter die 50 einflussreichsten Ökonomen Deutschlands gewählt, im Handelsblatt-VWL-Ranking unter die Top 100.
Bis Ende 2029 wird Löschel das IPCC-Energiesystemkapitel fertigstellen, das die globale Klimapolitik für das nächste Jahrzehnt mitprägen wird. In Berlin läuft das Mandat der Energiewende-Expertenkommission weiter. Den nächsten Monitoringbericht wird er persönlich übergeben, mit denselben Maßstäben wie seit 2011: Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit, Klimaschutz. Für die deutsche Energiepolitik ist Andreas Löschel seit über einem Jahrzehnt eine konstante, unabhängige Stimme. Daran wird sich in den nächsten Jahren nichts ändern.
Stand: März 2026. Quellen: loeschel.org, Ruhr-Universität Bochum, Öko-Institut, Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, Joachim Herz Stiftung, IPCC, acatech/ESYS, Tagesspiegel.

