Brigitte Reinhardt – Erste Direktorin des Ulmer Museums

1984 erschien ihr erster nachweisbarer Kunstkatalog. 2021 ihr bisher letzter. Dazwischen liegen 88 belegte Publikationen, 19 Jahre Museumsleitung und ein Ausstellungsprogramm, das Künstlerinnen wie Ida Applebroog, Nancy Spero und Carol Rama erstmals einem deutschen Stadtmuseum-Publikum zugänglich machte. Dr. Brigitte Reinhardt, Jahrgang 1944, gehört zu den prägenden Figuren der deutschen Museumslandschaft der 1990er und 2000er Jahre.



Der Weg nach Ulm: Eine Kurierfahrt verändert alles

Vor ihrer Ernennung als Museumsdirektorin arbeitete Reinhardt am Kunstmuseum Stuttgart. 1989 begleitete sie dort ein Gemälde von Otto Dix auf einer Kurierfahrt nach Atlanta in die USA. Im High Museum of Art begegnete sie den Arbeiten der amerikanischen Künstlerin Ida Applebroog, die in Deutschland zu diesem Zeitpunkt vollständig unbekannt war.

Die Begeisterung war so groß, dass Reinhardt sich vornahm: Sollte sie jemals ein Museum leiten, würde sie Applebroog eine Ausstellung widmen.

Ein Jahr später leitete sie das Ulmer Museum.


1990: Erste Frau an der Spitze des Ulmer Museums

Mit dem Amtsantritt 1990 übernahm Brigitte Reinhardt nicht nur die Leitung des Hauses, sondern schrieb damit auch Museumsgeschichte. Sie war die erste Frau in der Direktorenposition des Ulmer Museums.

Die programmatische Richtung war von Beginn an klar:

  • Gegenwartskunst rückte ins Zentrum des Ausstellungsbetriebs
  • Künstlerinnen, die im deutschen Museumsbetrieb kaum vorkamen, bekamen systematisch Platz
  • Ihre Werke wurden nicht nur gezeigt, sondern dauerhaft in der Sammlung des Hauses verankert

Über Feminismus als Begriff sprach sie selten. Beim ZADIK der Universität zu Köln sagte Reinhardt 2024, sie habe nie offen über Feminismus gesprochen, ihn aber stets gelebt.

Bereits 1993, drei Jahre nach Amtsantritt, veröffentlichte sie die Studie „Kunst und Kultur in Ulm 1933 bis 1945“ beim Silberburg-Verlag. In einer Stadt mit traditionell konservativem Kulturpublikum war das keine selbstverständliche Entscheidung.


23 Ausstellungen zu Künstlerinnen: Ein Programm ohne Vergleich

Das Kernprojekt ihrer Amtszeit war eine 23-teilige Ausstellungsreihe zu Künstlerinnen des 20. und 21. Jahrhunderts, die 1991 startete und bis zu ihrem Abgang 2009 lief. Für ein deutsches Stadtmuseum dieser Größenordnung war dieses Programm einmalig.

Die erste Ausstellung zeigte Ida Applebroog mit großformatigen Arbeiten zu Gewalt, Macht und weiblicher Sexualität. Das Ulmer Publikum, das als konservativ galt, reagierte positiv. Die Schau reiste danach an den Bonner Kunstverein und die Neue Gesellschaft für bildende Kunst in Berlin weiter.

Belegte Ausstellungen aus der Reihe

JahrKünstlerinTitel / Besonderheit
1991Ida ApplebroogAuftakt der Reihe, erster Auftritt in einem deutschen Museum
1992Nancy SperoWoman Breathing, April bis Mai, Ulmer Museum
1993Susanne MuelImmune for Life, Installationen und Zeichnungen
1994Eva HesseWerke aus ihrer deutschen Schaffenszeit
2000Tracey MoffattLaudanum, Hatje Cantz
2002Kiki SmithSmall Sculptures and Large Drawings, Hatje Cantz
2004Carol RamaAppassionata, zweisprachiger Katalog, Hatje Cantz
2006Karin KneffelVerführung und Distanz, Wienand Verlag
2009Michaela MeliánSpeicher, Walther König

Für die Eva-Hesse-Ausstellung 1994 reiste Reinhardt gemeinsam mit Galeristin Barbara Gross nach Paris. Ziel war es, Barry Rosen, den Nachlassverwalter der Künstlerin, zu überzeugen, Werke nach Ulm zu geben. Rosen kannte Ulm nicht und zögerte. Am Ende einigte man sich auf eine Auswahl von Arbeiten aus Hesses Zeit in Deutschland. Die Ausstellung war 1994 in Ulm zu sehen und wurde anschließend auch in Wiesbaden gezeigt.


Breiter als eine Richtung

Reinhardts Arbeit beschränkte sich bei weitem nicht auf zeitgenössische Frauenkunst. Ihr Ausstellungs- und Publikationsprogramm umfasste das gesamte Spektrum der Kunstgeschichte:

  • Spätgotische Skulptur: Hans Multscher: Bildhauer der Spätgotik in Ulm (1997), 445 Seiten, gemeinsam mit dem Württembergischen Landesmuseum Stuttgart
  • Expressionismus: Emil Nolde: Blickkontakte, Porträts 1903 bis 1918 (2005, Hatje Cantz)
  • Klassische Moderne: Paul Klee und die Romantik (2009, Hatje Cantz), mit Texten zur romantischen Tradition im Werk Klees
  • Gegenwartsbildhauerei: Spiel nach draußen (1998, Hatje Cantz), eine Publikation zur Skulptur im öffentlichen Raum, entstanden gemeinsam mit dem britischen Bildhauer Tony Cragg
  • Konstruktive Kunst: Vasarely: Geometrie, Abstraktion, Rhythmus (1998, Hatje Cantz)
  • Ur- und Frühgeschichte: Der Löwenmensch: Tier und Mensch in der Kunst der Eiszeit (1997)

Das Journal für Kunstgeschichte der Universität Heidelberg besprach im Jahr 2000 ihren Ausstellungskatalog zur ungarischen Malerei der Jahrhundertwende. Eine Fachzeitschrift mit Peer-Review-Verfahren. Das zeigt, dass ihre kuratorische und wissenschaftliche Arbeit über den regionalen Kontext hinaus Beachtung fand.


Die Zusammenarbeit mit Barbara Gross

Ein fester Bestandteil von Reinhardts Arbeit war die jahrzehntelange Zusammenarbeit mit der Münchener Galeristin Barbara Gross. Sie begann, als Reinhardt auf ihrem Schreibtisch eine Einladung zu einer Ausstellung der Galerie fand.

Das Modell funktionierte arbeitsteilig:

  • Gross baute Kontakte zu Künstlerinnen und Nachlassverwaltungen auf und leistete die Vorarbeit
  • Reinhardt übernahm die Ausstellungskonzeption und sorgte für die Aufnahme in die Museumssammlung
  • Kosten für Kataloge und Werbematerialien wurden bei Wanderausstellungen geteilt

Acht der von Gross vertretenen Künstlerinnen erschienen in der Ulmer Ausstellungsreihe. Im Januar 2024 sprachen beide beim ZADIK der Universität zu Köln öffentlich über diese Zusammenarbeit. ZADIK-Direktorin Nadine Oberste-Hetbleck moderierte das Gespräch, das vollständig und kostenlos dokumentiert ist.


Was nach dem Abgang 2009 folgte

Als Reinhardt das Ulmer Museum nach 19 Jahren verließ, scheiterte die Nachfolge mehrfach. Der zunächst vorgesehene Nachfolger Thorsten Sadowsky, damals Leiter des Museums Kunst der Westküste auf der Insel Föhr, trat nicht an. Ein danach eingesetzter Interimsdirektor trug laut einem Bericht der Stuttgarter Zeitung von 2010 einen falschen Doktortitel. Die Stelle blieb über einen längeren Zeitraum unbesetzt.

Reinhardt selbst arbeitete weiter. 2021 lieferte sie einen wissenschaftlichen Textbeitrag für den Hatje-Cantz-Band Carol Rama, erschienen zur Ausstellung im Gutshaus Steglitz in Berlin. Derselben Künstlerin, der sie 2004 in Ulm eine große Einzelschau gewidmet hatte.


Was bleibt

37 Jahre nach ihrem ersten veröffentlichten Katalog ist Brigitte Reinhardt eine feste Referenz in der deutschen Kunstgeschichtsschreibung, ohne je den Sprung in eine breitere Öffentlichkeit gemacht zu haben. Ihre Arbeit lässt sich in den Sammlungen des Ulmer Museums, in den Regalen der Staatsbibliotheken und in den Ausstellungsbiografien der Künstlerinnen nachlesen, die sie nach Deutschland holte. Das Museum, das nach ihrem Abgang jahrelang führungslos blieb, trägt ihr Programm bis heute in seiner Sammlung.

Eric Kuster
Eric Kusterhttps://infozentral.de/
Eric Kuster schreibt seit 2015 über Politik, Promis, Sport und Gesellschaft. Er arbeitete für die Münchner Abendzeitung und mehrere Online-Portale, wo er Bundestagsdebatten, Promi-Skandale, Fußball-Transfers und Gerichtsverfahren abdeckte. Kuster berichtete aus dem Bundestag, interviewte Bundesliga-Spieler und recherchierte zu Steuerhinterziehungsfällen deutscher Prominenter. In Köln aufgewachsen, zog er 2019 nach Berlin, um näher am politischen Geschehen zu sein. Er verfolgt Entertainment-News genauso wie Migrations- und Technologiethemen. Im Februar 2026 gründete er Info Zentral, weil ihm Schnelligkeit ohne Oberflächlichkeit wichtig ist. Kuster hat Politikwissenschaft studiert, aber das meiste lernte er in Redaktionen.

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