Am 11. März 2026 tritt José Antonio Kast in Santiago sein Amt als Präsident an. Chile bekommt damit seinen rechtesten Staatschef seit dem Ende der Pinochet-Diktatur 1990. Die Verfassung, unter der er regieren wird, stammt aus demselben Regime. Und die Wissenschaftlerin, die wie kaum eine andere für ihre Ablösung gearbeitet hat, ist Claudia Heiss.
Zwischen 2019 und 2023 durchlief Chile zwei Verfassungsprozesse, die beide scheiterten. Heiss saß in beiden an zentralen Stellen mit am Tisch.
Inhaltsverzeichnis
Vom Journalismus zur Politikwissenschaft
Claudia Heiss Bendersky studierte zunächst Journalismus an der Universität Chile. Mit einem Fulbright-Stipendium wechselte sie 2001 an die Columbia University in New York, wo sie 2003 ihren Master in Politikwissenschaft abschloss. 2012 folgte der Doktortitel an der New School for Social Research.
Heute leitet sie das politikwissenschaftliche Bachelorstudium an der Fakultät für Regierungswissenschaften der Universität Chile und forscht am Centro de Estudios de Conflicto y Cohesión Social (COES) sowie am Millennium Nucleus MEPOP, dem chilenischen Forschungsnetzwerk für Politik, Meinung und Medien.
Die journalistische Grundausbildung ist bis heute spürbar: Heiss erklärt chilenisches Verfassungsrecht so, dass es außerhalb von Universitäten ankommt.
Das Buch, das eine ganze Nation auf die Verfassungsfrage vorbereitet hat
2020 veröffentlichte sie beim Verlag Aguilar ¿Por qué necesitamos una nueva Constitución?, einen 140-seitigen Essay, der während des Estallido Social und den darauffolgenden Plebisziten zum meistgelesenen politischen Sachbuch Chiles wurde.
Ihre Kernthese: Die Pinochet-Verfassung von 1980, entworfen vom Ideologen Jaime Guzmán im Auftrag der Militärjunta, hat soziale Rechte bewusst nicht als einklagbare Ansprüche verankert, sondern als bloße „Freiheiten“. Jede Reform erfordert hohe parlamentarische Mehrheiten, die strukturellen Wandel faktisch blockieren.
Das Buch gewann den „Claudia Castañeda“-Buchpreis der Chilenischen Vereinigung für Politikwissenschaft (ACCP).
Nicht außen, sondern innen: Heiss in beiden Verfassungsprozessen
Die meisten Kommentatoren beobachteten Chiles Verfassungsreform von außen. Heiss gehörte zu denen, die von innen gestalteten:
- 2019: Mitglied der Technischen Kommission, die den ersten Verfassungsprozess vorbereitete
- 2023: Leiterin der öffentlichen Anhörungen bei der Bürgerbeteiligung des zweiten Prozesses
Als der erste Entwurf, ausgearbeitet vom gewählten Verfassungskonvent, im September 2022 von 62 Prozent abgelehnt wurde, benannte Heiss im US-Sender NPR/WBUR das strukturelle Problem präzise: Progressiver Konstitutionalismus in Lateinamerika habe sich zu sehr auf Rechtekataloge konzentriert und zu wenig auf den „Maschinenraum“ der Verfassung. Also: Wer entscheidet was, wie, und mit welchen Kontrollmechanismen. Rechte ohne diese Mechanismen, so Heiss, blieben auf dem Papier.
Den zweiten Entwurf, der im Dezember 2023 von 56 Prozent abgelehnt wurde, analysierte sie in Americas Quarterly mit klarem Blick: Die Republikanische Partei hatte einen moderaten Ausgangsentwurf durch mehr als 1.000 Änderungen weit nach rechts geführt. Das Ergebnis sei letztlich kein Urteil über eine Verfassung geworden, sondern über die Regierungsfähigkeit dieser Partei. Die Wählerschaft habe sich in beiden Volksabstimmungen deutlich moderater gezeigt als die verfassungsgebenden Körperschaften selbst.
Ihre Einschätzung zu Kast, vor und nach der Wahl
Noch vor der Stichwahl am 14. Dezember 2025 hatte Heiss gegenüber dem mexikanischen Nachrichtenmagazin Proceso formuliert, was eine Kast-Regierung bedeuten würde: „einen klaren Schwenk hin zu Konservatismus und Autoritarismus“, da er Werte der Pinochet-Diktatur verteidige und Positionen einnehme, die Rechtsstaat und Gewaltenteilung in Frage stellten.
Gleichzeitig blieb sie präzise. Eine Wiederholung der Militärdiktatur erwarte sie nicht. Wahrscheinlich seien jedoch autoritäre Praktiken bei der Verbrechensbekämpfung und im Umgang mit irregulärer Migration sowie Rückschritte bei den Rechten von Frauen, Minderheiten und indigenen Völkern.
Kast gewann am 14. Dezember 2025 mit 58,18 Prozent und erzielte damit das zweitgrößte Ergebnis in einer Stichwahl seit Chiles Rückkehr zur Demokratie 1990.
Ob sich seine Ankündigungen vollständig materialisieren, werde, so Heiss gegenüber elDiario.es, auch davon abhängen, welche Grenzen ihm die traditionellen Rechtsparteien UDI und Renovación Nacional im Kongress setzen. Beide sind deutlich moderater als Kast selbst und verfügen über wichtige Fraktionen im Parlament. Weder Linke noch Rechte hätten eine Mehrheit, die es erlaube, die andere Seite zu übergehen.
Akademisches Gewicht
Heiss gilt als eine der meistzitierten Stimmen zum chilenischen Konstitutionalismus im internationalen wissenschaftlichen Diskurs. Ihr Google-Scholar-Profil weist über 800 akademische Zitierungen aus. Beiträge von ihr erschienen im Journal of Democracy (Johns Hopkins University Press), in PS: Political Science & Politics (Cambridge University Press) sowie in Latin American Politics and Society.
Ihre internationalen Auszeichnungen:
- „Karen Poniachik“-Preis für die Frau des Jahres, Columbia Global Centers Santiago (März 2023)
- Internationaler Preis der University of Texas für ihren Beitrag zur Verfassungsdebatte Chiles
- „Claudia Castañeda“-Buchpreis der ACCP
Von 2012 bis 2014 führte sie die Chilenische Vereinigung für Politikwissenschaft als Präsidentin. Sie ist Mitglied der Red de Politólogas, einem Netzwerk von über 800 Politikwissenschaftlerinnen aus 31 Ländern.
Stand der Dinge
Die Verfassung von 1980 steht. Zwei Versuche, sie zu ersetzen, sind gescheitert. Jetzt, wenige Tage vor dem Amtsantritt von José Antonio Kast, regiert jemand, der den Autor dieser Verfassung als Teil seines politischen Erbes betrachtet.
Heiss hat ihre Analyse über Jahre in wissenschaftlichen Artikeln, in einem viel gelesenen Buch und in internationalen Medien formuliert: Die chilenische Verfassung ist kein neutrales Dokument, sondern ein politisches Programm, das seit über vier Jahrzehnten wirkt. Ob Chile je eine neue bekommt, ist nach 2023 offener denn je. Dass diese Frage überhaupt noch auf der politischen Agenda steht, ist auch das Ergebnis der Arbeit von Claudia Heiss.

