Sie wurde vom NDR als „ungeeignet“ aussortiert, von ihrer eigenen Mutter nicht anerkannt und wuchs ohne elterliche Geborgenheit auf. Trotzdem wurde Dagmar Berghoff zur ersten Frau der ARD-Tagesschau und für 23 Jahre das vertrauteste Gesicht im deutschen Fernsehen.
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16. Juni 1976: Eine Premiere, die die ARD-Tagesschau für immer veränderte
Als Dagmar Berghoff an diesem Abend das erste Mal hinter dem Nachrichtenpult der ARD-Tagesschau Platz nahm, stand Chefsprecher Karl-Heinz Köpcke direkt neben ihr im Studio. Nicht aus Kollegialität, wie sie später berichtete:
„Ich dachte, das machen die immer so. Aber er hat wohl gemeint, dass ich als Frau vielleicht doch die Nerven verliere und zusammenbreche.“
Sie verlor sie nicht. 23 Jahre lang blieb sie der Sendung treu, stieg zur Chefsprecherin auf und wurde vom Publikum zur beliebtesten deutschen Nachrichtensprecherin gewählt. Was die Presse bald „Miss Tagesschau“ nannte, hatte sich der NDR einst selbst versagt.
Eine Kindheit, in der nichts selbstverständlich war
Dagmar Berghoff kommt am 25. Januar 1943 in Berlin zur Welt, mitten im Zweiten Weltkrieg. Sie wird mit einer angeborenen Fehlbildung der linken Hand geboren, zwei Finger fehlen ihr. Ihre Mutter, die an schweren manisch-depressiven Schüben litt, lehnte das Kind ab. Sie redete sich ein, das Baby sei in der Klinik vertauscht worden, und überzeugte schließlich auch den Vater davon.
Von 1944 bis 1947 wächst Berghoff bei einer Tante in Nürnberg auf. Dann kehrt sie zur Familie zurück, zunächst nach Frankfurt an der Oder, dann nach Ahrensburg bei Hamburg. 1950, sie ist sieben Jahre alt, begeht ihre Mutter Suizid. Der Vater zieht mit den Kindern nach Hamburg-Marmstorf, 1957 folgt ein weiterer Umzug nach Hamburg-Harburg.
Über diese Jahre sagt Berghoff in einem DPA-Interview:
„Ich glaube, im Laufe der Zeit sind meine Widerstandskräfte in mir gewachsen.“
Mit neun Jahren Regisseurin, mit 15 beim Filmstar vorgesprochen
Irgendwo in dieser schwierigen Kindheit entwickelt Berghoff eine Energie, die niemand aufhalten kann. Mit neun Jahren schreibt sie eigene Theaterstücke und führt sie auf, Eintritt: zehn Pfennig.
Mit 15 Jahren schreibt sie heimlich dem bekannten Schauspieler Joseph Offenbach (1904–1971, Die Unverbesserlichen) einen Brief und bittet um ein Vorsprechen. Offenbach empfängt sie, hört ihr zu, Urteil: talentiert.
Ihr Vater sieht das komplett anders. Er will aus ihr eine Chefsekretärin machen. Berghoff lässt sich davon nicht beirren.
Nach dem Abitur 1962 geht sie als Au-pair nach London, dann nach Paris, Sprachen lernen, Geld verdienen. Sie putzt, trägt Post aus, wäscht nachts im Bahnhof Geschirr, arbeitet in einer Käsefabrik, steht hinter einer Bar. 1964 schafft sie die Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Drei Jahre später, 1967, hält sie das Schauspieldiplom in der Hand.
Der NDR sagte Nein. Der SWF sagte: Willkommen.
Direkt nach dem Studium bewirbt sich Berghoff als Sprecherin beim Norddeutschen Rundfunk. Die Antwort aus Hamburg ist kurz:
„Diese Frau ist ungeeignet für den Hörfunk.“
Der Südwestfunk (SWF) in Baden-Baden denkt völlig anders und stellt sie sofort ein. Von 1967 bis 1976 arbeitet Berghoff dort als Fernsehansagerin, Hörfunkmoderatorin und Nachrichtensprecherin, übernimmt nebenbei Rollen am Rhein-Neckar-Theater und in Fernsehspielen wie Hamburg Transit und Die Semmelings.
1975 kehrt sie aus privaten Gründen nach Hamburg zurück und moderiert beim NDR-Radio. Karl-Heinz Köpcke hört ihre Stimme, lädt sie zum Vorsprechen ein. Der Rest ist bekannt.
Nachrichten dürfen auch fühlen
In der ARD-Nachrichtensendung gilt damals ein ungeschriebenes Gesetz: Meldungen werden ohne Emotion gelesen, egal wie schwer der Inhalt ist. Köpcke und Werner Veigel stehen für diese Schule.
Berghoff weigert sich:
„So wie ich betroffen bin, wenn ich die Meldung lese, sind es auch die Zuschauer.“
Ein kurzes Senken des Blicks bei einer Todesmeldung, eine kurze Pause, damit das Gesagte nachklingt. Kein Theater, aber menschlich. Das Publikum nimmt es an.
Neben der Tagesschau ist Berghoff in dieser Zeit auf mehreren Bühnen aktiv:
- September 1982 bis Februar 1984: Moderatorin der NDR Talk Show
- 1984 bis 1992: Sie führt gemeinsam mit Max Schautzer durch das ARD Wunschkonzert
- 1983: Moderatorin des Zirkusfestivals aus Paris
Die Auszeichnungen folgen: Bambi 1980 und 1990, Goldene Kamera 1987.
Und 1988 passiert jener Moment, den das deutsche Fernsehpublikum bis heute nicht vergessen hat: Berghoff meldet Boris Beckers Sieg bei einem Tennisturnier in Dallas. Statt „WTC-Championship“ sagt sie „WC-Meisterschaft“ und verliert sich auf Sendung im Lachen. Der Clip läuft seitdem in jeder Zusammenfassung legendärer TV-Pannen.
Chefsprecherin, Abschied und die Stimme, die Thorsten Schröder zur Tagesschau holte
Im Januar 1995 übernimmt Berghoff als Chefsprecherin der ARD-Tagesschau die Nachfolge von Werner Veigel, erste Frau auch in dieser Rolle. Bereits 1993 hatte sie öffentlich angekündigt, zum Jahrtausendwechsel aufzuhören.
Am 31. Dezember 1999 ist es so weit. Ihr letzter Satz im deutschen Fernsehen:
„Und Tschüs von diesem Platz.“
Kurz vor dem Ende hinterlässt sie eine Nachricht auf einem Anrufbeantworter. Empfänger: ein junger Kollege bei NDR 90,3, dessen Stimme ihr beim Moderieren aufgefallen war. Die Botschaft: Er möge zur Tagesschau kommen.
Der Angerufene ist Thorsten Schröder, der die Sendung bis heute spricht. 2023 wird diese Aufnahme in der NDR Talk Show erstmals öffentlich abgespielt. Schröder ist sichtlich bewegt. Berghoff, zugeschaltet per Clip:
„Ja, Thorsten, mit dir habe ich einen richtig guten Griff getan.“
Was kaum jemand weiß: Berghoff hat ihre gesamten 23 Jahre als freie Mitarbeiterin gearbeitet, ohne feste Anstellung, ohne NDR-Rente. Als Zwanzigjährige hatte sie auf Rat hin in eine Pensionskasse für Freie eingezahlt.
„Da war ich noch nicht mal 30 Jahre alt und hatte wenig Interesse an diesem Thema. Heute bin ich dankbar dafür und kann gut von meiner Rente leben.“ — Dagmar Berghoff, t-online, Dezember 2024
Peter Matthaes und die härteste Zeit nach der Tagesschau
Am 16. Mai 1991 heiratet Berghoff den Chirurgen Dr. Peter Matthaes, Chefarzt am Israelitischen Krankenhaus Hamburg. Er ist in ihren Worten der Mann ihres Lebens. Eigene Kinder bekommt das Paar nicht, als sie heiraten ist Berghoff bereits Ende 40.
Am 29. Januar 2001, gut ein Jahr nach ihrem Abschied von der Tagesschau, stirbt Matthaes an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Berghoff beschreibt diesen Verlust später so:
„Ich habe mich gefühlt wie ein Mensch, der auseinandergebrochen ist.“
Sie sucht sich Hilfe bei einer Psychotherapeutin und findet langsam zurück ins Leben.
Dagmar Berghoff heute, mit 83 Jahren
Die frühere Tagesschau-Chefsprecherin lebt in Hamburg-Winterhude, Wohnung mit Blick auf einen Kanal, klassische Kunst an den Wänden, Antiquitäten. Sie geht ins Theater, reist nach Frankreich, besucht Kunstmuseen, spielt Karten mit einem festen Freundeskreis.
Was sie aktuell beschäftigt:
- Seit 1997 ist sie Schirmherrin des Kinderhilfswerks terre des hommes
- 2023 erscheint ihr Buch „Guten Abend, meine Damen und Herren“ mit aktuellem Tagesschau-Sprecher Constantin Schreiber, Hoffmann und Campe Verlag
- November 2024: Sie ist bei der PALAZZO Gala-Premiere in Hamburg zu sehen
- Weihnachtslesungen hält sie weiterhin in Kirchen, Altenheimen und Theatern
- Anhängerin des Hamburger SV
Die moderne Tagesschau betrachtet sie kritisch. Keine förmliche Begrüßung mehr zu Beginn, Moderatoren im Stehen, zu viel Gerede. Beim letzten Besuch im Sendestudio: „Das sieht mittlerweile wie eine Raumstation aus.“
Den Abgang 1999 bereut sie bis heute nicht:
„Den Schritt habe ich nie bereut, auch weil ich mich ja selbst dazu entschieden hatte.“
Wo sie einmal begraben werden möchte? In der Nordsee. An derselben Stelle wie Peter Matthaes. Eine Frau, die von ihrer eigenen Mutter abgelehnt wurde, die der NDR einmal für ungeeignet hielt und die trotzdem Generationen von deutschen Fernsehabenden geprägt hat, hat sich auch das letzte Wort selbst geschrieben.

