Am 6. April 2014 saßen 6,29 Millionen Menschen vor dem ZDF und schauten einen Film, dessen Drehbuch Johannes Wünsche geschrieben hatte. Sein Name stand im Abspann. Sonst kaum irgendwo.
Wünsche hat über 25 Jahre lang am deutschen Fernsehen mitgeschrieben, von RTL-Soapdramen bis zu ZDF-Primetime-Komödien. Wer er ist, was er gemacht hat und wo er heute steht, das zeigt dieser Artikel.
Inhaltsverzeichnis
Herkunft: Bad Godesberg, ein Flüchtlingssohn und ein bekannter Vater
Johannes Josef Wünsche wurde 1955 in Bad Godesberg geboren, heute ein Stadtteil von Bonn in Nordrhein-Westfalen. Er ist das jüngste von vier Geschwistern. Seine Familie kam 1950 als Flüchtlinge nach Bad Godesberg, fünf Jahre bevor er dort zur Welt kam.
Sein Vater Konrad Wünsche (1928–2012) war kein unbekannter Mann: Lehrer, Erziehungswissenschaftler und Schriftsteller. Er lehrte als Professor an der Pädagogischen Hochschule Berlin, später an der Technischen Universität Berlin. Seine Bücher erschienen bei Suhrkamp. In einem Haushalt, in dem Sprache und Bildung täglich präsent waren, wuchs Johannes Wünsche auf.
Karrierebeginn: Freier Autor, Skriptredakteur, Serienentwickler
Ab 1990 arbeitete Wünsche als freier Drehbuchautor. Parallel dazu übernahm er Aufgaben als Skriptredakteur und Serienentwickler, Rollen, die im Abspann selten erscheinen, aber darüber entscheiden, wie eine Serie dramaturgisch funktioniert.
Sein erstes öffentlich dokumentiertes Werk als Autor war die RTL-Comedyserie „Die Camper“ (ab 1997). Die Serie lief bis 2006, zog freitags Millionen Zuschauer an und umfasste neun Staffeln. Wünsche war Teil eines größeren Autorenteams. Die Regie lag bei anderen.
Chefautor bei „Hinter Gittern“ — und die Begegnung mit Annette Frier
Der Wendepunkt in Wünsches Karriere kam 1999. Er trat als neuer Chefautor in die Redaktion der RTL-Erfolgsserie „Hinter Gittern — Der Frauenknast“ ein. Die Serie wurde von der Grundy UFA TV Produktions GmbH auf dem Gelände der ehemaligen Wavell Barracks in Berlin-Spandau produziert. Montags auf RTL lief sie ohne Sommerpause, zeitweise vor 4,93 Millionen Zuschauern bei einem Marktanteil von knapp 17 Prozent.
Wünsche schrieb dort von 1999 bis 2006 69 Folgen. „Hinter Gittern“ lief bis Februar 2007, insgesamt 403 Folgen über 16 Staffeln.
An Wünsches erstem Arbeitstag war es für Annette Frier der letzte. Sie hatte seit 1997 die Figur Vivi Andraschek gespielt und verließ die Serie genau in dem Moment, als Wünsche als Chefautor einstieg. Frier bestätigte das später dem ZEITmagazin. Am 30. August 2002 heirateten die beiden.
„Verschollen“ (2004): RTL-Prestigeprojekt mit Blueboxing auf Mauritius
2004 schrieb Wünsche das Drehbuch für „Verschollen“, eine Koproduktion von RTL und ORF, produziert von teamWorx unter Produzent Joachim Kosack. Die Handlung: 20 Touristen überleben einen Flugzeugabsturz und landen auf einer unbewohnten Südseeinsel.
Die Produktion:
- Dreharbeiten von November 2003 bis Juni 2004 auf Mauritius, in den Niederlanden, am Flughafen Dortmund und in einem eigens errichteten Studio in Köln-Ossendorf
- Blueboxing simulierte Meer und tropischen Himmel in der Studiohalle
- 90-minütiger Pilotfilm, dazu 29 reguläre Episoden
- Regie übernahm Heinz Dietz
RTL hatte die Serie als Dauerläufer geplant, Schauspielverträge wurden auf zwei Jahre ausgestellt. Das Publikum blieb weitgehend aus. Die Serie wanderte vom Montag auf den Donnerstag und wurde schließlich abgesetzt. Kurze Zeit später lief auf ProSieben die amerikanische Serie „Lost“, die das gleiche Grundprinzip vor einem Millionenpublikum umsetzte.
„Wir müssen reden!“ (2010): Sein einziges Regieprojekt
2010 übernahm Wünsche zum ersten und bislang einzigen Mal die Regie. Für die Sat.1-Serie „Wir müssen reden!“ führte er bei allen 8 Folgen Regie. Erstausstrahlung war der 27. August 2010.
Das Konzept war ungewöhnlich: Annette Frier und Cordula Stratmann spielten zwei Freundinnen, die sich regelmäßig in einem Kölner Italiener namens „Trinachria“ treffen. Dialoge und Handlung entstanden durch freie Improvisation. Gastauftritte lieferten Bastian Pastewka und Til Schweiger. Das Drehbuch schrieb Valentin Holch. Die Serie erschien später als DVD-Set.
ZDF-Primetime: „Die Mütter-Mafia“ und die Fortsetzung
Den größten Zuschauerfolg seiner Karriere erzielte Wünsche gemeinsam mit Regisseur Tomy Wigand. Beide adaptierten den gleichnamigen Roman von Kerstin Gier für das ZDF.
„Die Mütter-Mafia“ lief am 6. April 2014 im ZDF-„Herzkino“-Sonntagsprogramm um 20:15 Uhr:
- 6,29 Millionen Zuschauer, 17,2 Prozent Marktanteil
- Produziert von U5 Filmproduktion
- Annette Frier spielte die Hauptrolle der Conny Wischnewski
- Das Branchenportal Tittelbach.tv bezeichnete die Verfilmung als „höchst vergnüglich“
Die Geschichte: Eine Frau Mitte 30 wird von ihrem Mann verlassen, zieht mit den Kindern in das düstere Vororthaus seiner verstorbenen Mutter und trifft im Kindergarten ihres Sohnes auf eine Gruppe übereifrig optimierender Vorzeigemütter.
Der Erfolg machte eine Fortsetzung unausweichlich. „Die Müttermafia-Patin“ lief 2015 auf ZDF, erneut mit Drehbuch von Wünsche und Wigand und Frier in der Hauptrolle. Die Erstausstrahlung zog 3,85 Millionen Zuschauer. Kerstin Gier hatte vier Romane über die Figur Conny geschrieben.
Ehe, Kinder und Privatleben in Köln
Johannes Wünsche und Annette Frier heirateten am 30. August 2002. Frier trägt seitdem bürgerlich den Namen Annette Wünsche.
Am 18. April 2008 wurden ihre Zwillinge geboren: Josefina und Bruno. Die Familie lebt in Köln.
Wünsche übernahm von Anfang an die Hauptverantwortung zuhause. Frier sprach darüber offen, unter anderem gegenüber Tobis:
„Ich habe tatsächlich schnell wieder gearbeitet, mein Mann war immer in der Verantwortung für die beiden. Zu Anfang musste ich wirklich oft lachen, wenn ich gefragt wurde: ‚Und hilft Ihnen denn Ihr Mann mit den Kindern?‘ Meine Antwort war dann: ‚Ja. Ich helfe meinem Mann mit den Kindern.'“
Das Paar zeigte sich gemeinsam bei der Bambi-Verleihung 2014 in Berlin, der Goldenen Kamera 2015 in Hamburg und dem Bayerischen Fernsehpreis 2016 in München. Abgesehen von diesen öffentlichen Auftritten hält Wünsche sein Privatleben konsequent aus der Öffentlichkeit heraus.
Steckbrief: Johannes Wünsche
| Vollständiger Name | Johannes Josef Wünsche |
| Geburtsjahr | 1955 |
| Geburtsort | Bad Godesberg, Bonn |
| Beruf | Drehbuchautor, Regisseur |
| Vater | Konrad Wünsche (1928–2012), Professor und Schriftsteller |
| Ehefrau | Annette Frier (geheiratet 30. August 2002) |
| Kinder | Zwillinge Josefina und Bruno (geb. 18. April 2008) |
| Wohnort | Köln |
| Bekannteste Werke | „Hinter Gittern“, „Die Mütter-Mafia“, „Wir müssen reden!“ |
Stand 2026: Keine neuen Projekte
„Die Müttermafia-Patin“ von 2015 ist der letzte öffentlich nachweisbare Eintrag in Wünsches Karriere. Weder IMDb noch fernsehserien.de noch Crew United verzeichnen seither ein neues Projekt. Keine Interviews, keine Pressemitteilungen, kein neues Drehbuch.
Johannes Wünsche schrieb Drehbücher, die Millionen Menschen sahen. Er hat eine Serienlandschaft mitgeprägt, die RTL in den 2000er Jahren definiert hat. Und er hat das alles getan, ohne dass sein Name je auf einem Kinoplakat stand. Ob er noch an Stoffen arbeitet oder das Fernsehgeschäft hinter sich gelassen hat, ist öffentlich nicht bekannt. Das Schweigen hält an.

