Im Februar 2026 gab der ukrainische Präsident bekannt, dass ukrainische Drohnen künftig auch auf deutschem Boden produziert werden. Es ist genau die Art von Meldung, die zeigt, wie weit der Weg war: Ein Mann, der vor wenigen Jahren noch Paddington Bär auf Ukrainisch synchronisierte, schließt heute Rüstungsvereinbarungen mit Berlin. Volodymyr Oleksandrovyč Zelensʹkyj ist 48 Jahre alt, führt seit vier Jahren ein Land im Krieg und sitzt gleichzeitig an einem Verhandlungstisch, an dem über die Sicherheitsarchitektur Europas entschieden wird.
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Herkunft: Eine Industriestadt, die Mongolei und ein Jurastudium
Wolodymyr Selenskyj wurde am 25. Januar 1978 in Krywyi Rih geboren, einer Industriestadt im Süden der damaligen Sowjetukraine. Seine Familie war jüdisch und russischsprachig. Als Kleinkind zog er mit seinen Eltern für vier Jahre nach Erdenet in der Mongolei, kehrte danach zurück und schloss ein Jurastudium am Wirtschaftsinstitut seiner Heimatstadt ab. Als Anwalt hat er nie gearbeitet.
Russisch war seine Muttersprache. Erst nach dem Amtsantritt engagierte er einen Sprachlehrer, um sein Ukrainisch systematisch zu verbessern.
Kvartal 95 und „Diener des Volkes“: Wie eine TV-Rolle zur Wirklichkeit wurde
1997 gründete Selenskyj mit Schulfreunden das Comedyteam Kvartal 95, benannt nach ihrem Viertel in Krywyi Rih. Die Gruppe entwickelte sich zu einem der erfolgreichsten Unterhaltungsunternehmen der Ukraine. Die Comedyshow Evening Kvartal erreichte ein Publikum, das schwer zu übertreffen ist: Über 85 Prozent der Ukrainer hatten die Sendung gesehen, bevor Selenskyj überhaupt politisch aktiv wurde. Dazu kamen zehn Spielfilme und mehr als 30 nationale Fernsehpreise.
Ab 2015 spielte er in der Serie Sluha Narodu (übersetzt: „Diener des Volkes“) einen Geschichtslehrer, der durch ein virales Video unversehens Staatspräsident wird. Die Sendung lief bis 2019. Mitarbeiter seines Produktionsunternehmens registrierten die gleichnamige Partei im März 2018.
Am 31. Dezember 2018 gab Selenskyj seine Präsidentschaftskandidatur live im Fernsehen bekannt, direkt neben der Neujahrsansprache von Amtsinhaber Petro Poroschenko auf demselben Sender. Keine Pressekonferenzen folgten, kein klassisches Wahlprogramm. Stattdessen kurze Videos auf YouTube und Instagram, politische Satire, direkte Ansprache.
Am 21. April 2019 gewann er mit 73,23 Prozent der Stimmen. Es war der größte Wahlsieg in der Geschichte ukrainischer Präsidentschaftswahlen.
Kurz nach Amtsantritt geriet er in internationales Rampenlicht: Ein Telefonat mit US-Präsident Donald Trump, in dem dieser ihn bat, Ermittlungen gegen Bidens Sohn anzustoßen, löste Trumps erste Amtsenthebung durch das Repräsentantenhaus aus.
„Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit“
Am 24. Februar 2022 marschierten russische Truppen in die Ukraine ein. Washington bot Selenskyj eine sofortige Evakuierung aus Kyjiw an. Seine Antwort wurde weltweit verbreitet:
„The fight is here. I need ammunition, not a ride.“
Er blieb. Jede Nacht sendete er Videobotschaften, aufgenommen vor dem Präsidialamt, mit dem Smartphone. Er schaltete sich zum NATO-Gipfel in Madrid zu, zum Weltwirtschaftsforum in Davos, hielt Gespräche mit Studierenden in Stanford, Harvard und Yale.
Das TIME Magazine kürte ihn Ende 2022 gemeinsam mit dem „Geist der Ukraine“ zum Person of the Year. Zwei Tage zuvor hatte die Financial Times dieselbe Auszeichnung vergeben. Zu den weiteren Ehrungen zählen der tschechische Orden des Weißen Löwen, der John F. Kennedy Profile in Courage Award und als erster ausländischer Staatschef eine direkte Videoansprache vor dem britischen Unterhaus.
„Herr Scholz, reißen Sie diese Mauer nieder“
Für das deutsche Publikum ist der 17. März 2022 der wohl folgenreichste Moment seiner Amtszeit. Per Videoschalte wandte sich der ukrainische Präsident 15 Minuten lang an den Deutschen Bundestag.
Er zog eine direkte Linie zu Ronald Reagans Rede vom 12. Juni 1987 am Brandenburger Tor und sprach Bundeskanzler Scholz persönlich an:
„Reißen Sie diese Mauer nieder.“
Gemeint war keine physische Mauer, sondern das, was Selenskyj als neue europäische Trennlinie beschrieb, gezogen durch russische Bomben und westliches Zögern.
Seine Abrechnung mit der deutschen Energiepolitik war direkt:
- Nord Stream, so Selenskyj, sei eine „Art Kriegsvorbereitung“ gewesen
- Deutschlands Antwort auf ukrainische Warnungen habe immer nur gelautet: „Wirtschaft, Wirtschaft, Wirtschaft“
- Die Formel „Nie wieder“ stelle er damit offen infrage: „Jedes Jahr wiederholen Politiker ‚Nie wieder‘. Und jetzt sehen wir, dass diese Worte einfach nichts bedeuten.“
- Zu dem Zeitpunkt waren seit Kriegsbeginn bereits 108 Kinder in der Ukraine getötet worden
Der Bundestag applaudierte stehend, am Anfang und am Ende. Danach kehrten die Abgeordneten zur Tagesordnung zurück. Der Politikwissenschaftler Nicolai von Ondarza kommentierte das öffentlich als „kalte Schulter“. Scholz bedankte sich per Tweet, trat aber nicht ans Rednerpult, was CDU-Politiker Norbert Röttgen scharf anmahnte.
Die Rede gilt als einer der direkten Auslöser der deutschen Zeitenwende. Wenige Tage später kündigte Scholz einen 100-Milliarden-Euro-Sonderfonds für die Bundeswehr an.
Deutschland und die Ukraine: Von der Zurückhaltung zur Rüstungspartnerschaft
Deutschland ist heute der zweitgrößte bilaterale Unterstützer der Ukraine nach den USA. Mehr als 11 Milliarden Euro Militärhilfe seit Kriegsbeginn, mehr als jedes andere europäische Land.
Unter Scholz blieb ein Punkt hart umkämpft: Die Lieferung der weitreichenden Taurus-Marschflugkörper wurde verweigert. Selenskyj kritisierte das öffentlich und wiederholt.
Nach der Bundestagswahl vom 23. Februar 2025 und dem Amtsantritt von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU/CSU, 28,5 Prozent) änderte sich der Kurs:
- Im Mai 2025 vereinbarte Verteidigungsminister Pistorius mit Kyjiw ein Hilfspaket im Wert von rund 5 Milliarden Euro
- Deutschlands Militärhilfe erreichte 2025 insgesamt knapp 9 Milliarden Euro
- Merz empfing Selenskyj im Sommer 2025 in Berlin, um vor dem Trump-Putin-Gipfel in Alaska eine gemeinsame europäische Position abzustimmen
- Merz schlug einen zinslosen Kredit von rund 140 Milliarden Euro für die Ukraine vor, besichert durch eingefrorene russische Vermögen und erst nach russischen Reparationszahlungen rückzahlbar
- Im Februar 2026 gab Selenskyj die Drohnenproduktion in Deutschland bekannt, darunter die Serienproduktion der Modelle BARS und AN-196 Liutyi
Gegenwind bleibt: Die AfD erzielte bei der Bundestagswahl 20,8 Prozent der Stimmen und positioniert sich offen pro-russisch. Beim Oval-Office-Eklat im Februar 2025 bezeichnete AfD-Co-Chef Tino Chrupalla Selenskyj als „bettelnd“.
Legitimitätsfrage: Ist Selenskyj noch rechtmäßig im Amt?
Am 20. Mai 2024 lief Selenskyjs fünfjähriges Präsidentschaftsmandat formal ab. Eine Wahl hätte im März 2024 stattfinden sollen. Sie fand nicht statt, weil das seit Februar 2022 geltende ukrainische Kriegsrecht Wahlen ausdrücklich verbietet.
Die rechtliche Grundlage ist klar definiert:
- Artikel 108 der ukrainischen Verfassung besagt, dass der Präsident sein Amt ausübt, bis ein neu gewählter Nachfolger es übernimmt
- Das Kriegsrecht wurde 18 Mal durch das Parlament verlängert, zuletzt bis zum 4. Mai 2026
- 69 Prozent der ukrainischen Bevölkerung befürworteten im Februar 2024, dass Selenskyj bis zum Ende des Kriegsrechts im Amt bleibt (Kyjiw International Institute of Sociology)
- Alle westlichen Regierungen erkennen seine Legitimität an
Russland nutzt die Debatte aktiv als Destabilisierungsstrategie. Ukrainisches Militärgeheimdienstchef Wadym Skibitsky bestätigte dem Economist, dass die Untergrabung von Selenskyjs Legitimität fester Bestandteil russischer Informationskriegsführung ist.
Am 9. Dezember 2025 erklärte Selenskyj, bereit zu sein, Wahlen in 60 bis 90 Tagen abzuhalten, sofern die USA und europäische Partner die dafür notwendige Sicherheit gewährleisteten. Das Parlament bildete Ende Dezember 2025 eine Arbeitsgruppe, die ein Gesetz für Wahlen unter Kriegsrecht vorbereiten soll.
Der Mineralienvertrag: Vom öffentlichen Eklat zur Unterzeichnung
Die Idee stammte von Selenskyj selbst. Im September 2024 schlug er Trump bei einem Treffen in New York vor, den USA Zugang zu ukrainischen Rohstoffvorkommen anzubieten. Die Ukraine verfügt über die größten Lithiumreserven Europas, rund 20 Prozent des weltweiten Graphitvorkommens sowie bedeutende Titan- und Manganvorkommen. Ein Großteil dieser Lagerstätten liegt allerdings auf russisch besetztem Gebiet.
Der für den 28. Februar 2025 geplante Vertragsabschluss scheiterte beim live übertragenen Oval-Office-Treffen. Trump und Vize-Präsident Vance kritisierten Selenskyj offen, die US-Militärhilfe wurde kurzfristig ausgesetzt. In einer YouGov-Umfrage kurz danach fanden 51 Prozent der Amerikaner, Trump habe sich dabei respektlos verhalten.
Die Wende kam beim Begräbnis von Papst Franziskus am 26. April 2025 in Rom, wo Selenskyj und Trump persönlich miteinander sprachen. Vier Tage später, am 30. April 2025, unterzeichneten US-Finanzminister Scott Bessent und Ukraines Erste Stellvertretende Ministerpräsidentin Julija Swyrydenko den Vertrag in Washington.
Was der Vertrag enthält: einen gemeinsamen Wiederaufbau-Investitionsfonds mit bevorzugtem US-Zugang zu künftigen Rohstoffprojekten. Was fehlt: explizite Sicherheitsgarantien für die Ukraine.
Friedensverhandlungen im März 2026: Kein Durchbruch in Sicht
Drei Verhandlungsrunden zwischen den USA, der Ukraine und Russland in den Vereinigten Arabischen Emiraten und der Schweiz in den ersten Monaten des Jahres 2026 brachten kein greifbares Ergebnis. Die Kernstreitpunkte:
- Russlands Forderung nach dem Abzug ukrainischer Truppen aus Teilen des Donbas, die Kyjiw noch kontrolliert
- Der Status des Saporizhzhia-Kernkraftwerks
- Sicherheitsgarantien für die Ukraine nach einem möglichen Waffenstillstand
- Der Plan Frankreichs und Großbritanniens, Friedenstruppen zu entsenden, den Moskau als „militaristisch“ ablehnt
Laut Selenskyj will Washington den Krieg bis Juni 2026 beendet sehen, vor den US-Zwischenwahlen. Am 8. März 2026 warnte er öffentlich, der eskalierende Nahostkonflikt gefährde die internationale Aufmerksamkeit für die Ukraine:
„Weniger Aufmerksamkeit bedeutet weniger Unterstützung. Weniger Unterstützung bedeutet weniger Luftabwehr.“
Er bestätigte zudem, dass Russland den Iran aktiv mit militärischer Hilfe unterstützt.
Selenskyj regiert unter Bedingungen, für die keine Demokratie einen fertigen Spielplan hat: aktives Kriegsrecht, eine formal abgelaufene Amtszeit, ein Gesprächspartner in Washington, der ihn im Februar 2025 noch öffentlich vorgeführt hat, und ein Gegner in Moskau, der keine einzige Konzession anerkennt. Dass er im Februar 2022 in Kyjiw geblieben ist, statt das US-Angebot zur Evakuierung anzunehmen, ist die eigentliche Grundlage für alles, was seitdem verhandelt wurde. Den Namen Volodymyr Oleksandrovyč Zelensʹkyj kennt die Welt seit dem 24. Februar 2022. Was er in den nächsten Monaten daraus macht, wird Europa noch lange beschäftigen.

